Fotografie Kritik

Aktfotografie: Spannen auf hohem Niveau

Lexikon | aus FALTER 02/11 vom 12.01.2011

Zart hält sich der halbnackte Jüngling an einem Olivenzweig fest, während er die Felsen hinabsteigt. Das Tuch um seine Hüften umwickelt auch den Baum - wie leicht könnte es herabfallen. In arkadische Gefilde wollte Wilhelm von Gloeden mit seinen Knabenakten führen, die er ab 1880 in Sizilien inszenierte. Der deutsche Fotograf zählt zu den Pionieren des Freilichtakts. Für die makelhafte Haut seiner Modelle verwendete er als Erster Körperschminke. Seine Aufnahmen wollten ein antikes Schönheitsideal verkünden, wofür er Requisiten wie griechische Vasen einsetzte.

Männliche Akte bilden ein eigenes Kapitel der Ausstellung "Nude Visions“ bei WestLicht, die anhand von Exponaten aus dem Stadtmuseum München 150 Jahre Aktfotografie abdeckt. Es sind weniger die Stars des Genres wie Newton oder Mapplethorpe, die die Schau sehenswert machen, als die Ausprägung von Stilen über die Epochen. Zu den Raritäten zählen kolorierte Stereo-Daguerreotypien von 1855, die als Guckkastenbilder die Rundungen üppiger Damen plastisch bespannen lassen. Interessant auch die sogenannten "Akademien“, Bildreihen von Posen, die als Künstlervorlage galten und daher der Zensur entkamen. Im Piktorialismus um 1900 verschwammen die Konturen von Ausdruckstänzerinnen, etwa bei Germaine Krull, einer der wenigen Fotografinnen der Schau. Wie die Illustration für ein Freud-Buch mutet eine Fotomontage von Heinz Hajek-Halke an, die Zylinderträger auf einen Frauenakt versetzt. Lebensreform, Freikörperkultur, sexuelle Befreiung, Bekenntnis zur Homosexualität: Es ist spannend zu sehen, wie sich diese gesellschaftlichen Entwicklungen mit den Befreiungsschlägen des Mediums Fotografie verquicken. NS

WestLicht, bis 30.1.


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