Neu im Kino

"Drei“ Ideen pro Einstellung sind kein Film

Lexikon | Joachim Schätz | aus FALTER 02/11 vom 12.01.2011

Berliner trifft Österreicherin. Er: "Meine Oma hat immer gesagt, ihr wart die besten Nazis von allen.“ Sie: "Irgendwas kann jeder.“ Diese Sätze, die im Flirtgespräch zwischen Stammzellenforscher Adam (Devid Striesow) und Kulturjournalistin Hanna (Sophie Rois) fallen, haben in Tom Tykwers "Drei“ keine andere Funktion, als einen leeren Flecken Dialog originell zu füllen.

Tykwers Film, seine erste deutsche Produktion in zehn Jahren, kann man sich wie eine große weiße Schautafel vorstellen, die noch bis in den letzten Winkel zugekritzelt ist mit Verweisen auf Geschichte, Kunst und Biowissenschaften, Spinoza, Robert Wilson und Zahlenmystik. Im Zentrum dieses Referenzwusts steht ein mit dem Lineal gezogenes romantisches Dreieck: Hanna und der Kunsttechniker Simon (Sebastian Schipper), seit 20 Jahren ein Paar, beginnen beide unabhängig voneinander eine Affäre mit dem geheimnisvollen Adam.

Nach den behäbigen Großproduktionen der letzten Dekade knüpft Tykwer mit diesem Liebesplanspiel wieder nahtlos an die unermüdliche Fabulierlust von "Lola rennt“ oder "Winterschläfer“ an. Der pedantische Hang zu dramaturgischer Ordnung und Symmetrie, der an den frühen Filmen bereits irritierte, ist leider stärker denn je: Fotoroman und Engelserscheinung, Splitscreens und Sehnsuchtsbilder sprengen die Erzählung nicht auf, sondern fügen sich lückenlos zu Schicksalssystemen zusammen und ersticken die Figuren.

Der Nazi-Sager bleibt ein non sequitur, aber sonst wird hier kein Buch aufgeschlagen und keinem Hobby gefrönt, ohne dass es gleich symbolischen Mehrwert abwirft. Auch darin ist "Drei“ ein echter Tykwer: unerhört einfallsreich und ziemlich unerträglich.

Ab Fr in den Kinos


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