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Bücher, entstaubt

Politik | Barbara Tóth | aus FALTER 02/11 vom 12.01.2011

Das erste Kreisky-Fanzine

Ein Fanzine ist ein Büchlein oder Magazin, das von Fans für Fans gemacht wird. Als Bruno Kreisky im Jahr 1971 zur Wahl antrat, schrieb ihm der Journalist Hellmut Andics unter dem Pseudonym "Spectator“ eine kleine biographische Huldigung mit dem Titel "Mann auf Draht“. Mit 136 Seiten dick genug, um im Bücherregal des Bildungsbürgers nicht unterzugehen, gleichzeitig von Seitenformat und Schriftgröße so großzügig gestaltet, dass auch der Arbeiter davor nicht zurückschrecken musste.

"Mann auf Draht“ ist ein Musterbeispiel für Kreiskys Talent zur Selbststilisierung. Seine Karriere war alles andere als gewöhnlich, der Argwohn gegen ihn lange groß (siehe Interview mit Oliver Rathkolb auf Seite 13). Ein jüdisches Großbürgerskind als österreichischer Kanzler?

Seine Antwort darauf war Andics’ Werk. Mitreißend geschrieben, zeichnet es das Porträt eines Mannes, desssen Wurzeln im mährischen Großbürgertum genau wie in der Jungsozialistenbewegung liegen, der das Privileg eines Kindermädchens ebenso kennengelernt hat wie die Härte einer Haft, der sich im Stresemann des Diplomaten ebenso wohlfühlt wie im blauen Overall des Arbeiters. Seine Person ist Programm, das will dieses Büchlein sagen. Ein Konzept, das aufging, weil - und das ist die Lehre für heutige Spindoktoren - seine Person authentisch war und nicht nur eine für Marketingzwecke erdachte Schablone.

Spectator (Hg.): Bruno Kreisky - Mann auf Draht. Elbemühl Verlag Wien 1971, 136 S., ab € 2, etwa unter www.kreisky.org.


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