Selbstversuch

Und es ist übrigens immer halber achte

Kolumnen | Doris Knecht  | aus FALTER 02/11 vom 12.01.2011

Das Jahr fing gut an, richtig gut eigentlich. Vorsätze? Ja. Erstens. Zweitens. Drittens. Viertens: Nicht so streng mit sich selber sein. Was für erstens, zweitens und drittens eventuell nichts Gutes heißt, aber. Aber eine Freundin machte mich kürzlich mit der Good-Enough-Theorie vertraut, die mich mit spontanem Enthusiasmus überschwemmte. Es geht, wenn ich das richtig verstanden habe, darum, das Leben gut genug, einigermaßen passend hinzukriegen, nicht, es perfekt zu machen, und das kann ich ja eh schon perfekt und bedurfte sozusagen nur noch einer wissenschaftlichen Absicherung. Diese Perfektionsansprüche, bei berufstätigen Müttern im Übermaß anzutreffen, die ruinieren uns doch eh nur.

Kürzlich hatte eins der Mimis als Hausübung einen Was-weißt-du-über-deine-Mutter?-Fragebogen auszufüllen. Was hat deine Mutter nicht gern und was mag sie an dir und so, eh nett. Aber dann: Wie viele Stunden arbeitet sie pro Tag? Wie viele Stunden pro Tag kümmert sie sich um den Haushalt? Wie viele Stunden am Tag beschäftigt sie sich mit dir? Ja, hej? Wir leben im Zeitalter des Kreativ-Unternehmertums, da lappt das eine über das andere, da kann man das nicht so genau sagen! Aber natürlich trotzdem schlagartiges Gewissensgebeiße nackenwärts, weil, was ist denn das für eine Mutter, die das nicht sagen kann, wie schaut denn das aus, was werden die sich denken? Wie es einem die eigene Mutter schon mit acht implantierte, als man immer auf frische, nicht komplett ausgeleierte Unterhosen zu achten hatte, weil du könntest bei einem Unfall schwer verletzt werden, und was denken sich dann die Sanitäter, wenn sie diese Unterhose sehen? Ja, du.

Und das machen wir jetzt anders. Sind die Kinder einigermaßen glücklich und riechen nicht allzu aufdringlich? Ruft die Schule nicht öfter als in einer 14-Tage-Frequenz an? Können die Kinder außer TV-Werbespots auch ein paar richtige Lieder singen? Spricht der Partner noch hin und wieder mit einem, ohne dabei permanent wie ein Kelomat kurz vor der Explosion zu wirken? Sind noch ein paar abgewaschene Teller im Schrank? Kann man in der Wohnung zwei vollständige Schritte machen, ohne auf Spielzeug zu treten? Kann man sich erinnern, was frische Luft ist und was das Wort Fitnessstudio bedeutet? Lässt sich noch ein Loch in den Gürtel nageln? Und ist man selbst manchmal glücklich? Hat man ein paar gute Freunde? Dann: gut; gut genug. Und eine sehr schöne Basis, um es an manchen Tagen noch besser hinzukriegen und das als selbstgebackenes Erfolgserlebnis zu verbuchen, bravo! Das Glas ist halb voll! Und es ist immer halber achte (und die Kinder werden es deshalb eh rechtzeitig in die Schule schaffen). Passt schon, alles easy und immer im Kopf behalten, was einst ein überaus gelassener Beamter am Check-in-Schalter des mexikanischen Kleinflughafens sagte: If not today, maybe tomorrow. Yes, yes. Das wird ein gutes Jahr.


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