Kritik

Schuld und Sühne: Strindberg, rauschfrei

Lexikon | aus FALTER 03/11 vom 19.01.2011

Kann man ein Stück, in dem ein kleines Mädchen stirbt, als "Komödie“ bezeichnen? August Strindberg, für dessen Charakter das Adjektiv "schwierig“ ein Hilfswort ist, konnte. Auf den ersten Blick erfüllt sein Künstlerdrama "Rausch“ (1899) aber auch alle Kriterien einer Komödie: Schauplätze des rund um eine Theaterpremiere angesiedelten Stücks sind verschiedene Pariser Bars und Restaurants, die Handlung ist eine Dreiecksgeschichte unter Künstlern. Der Dramatiker Maurice spannt seinem besten Freund, dem Maler Adolphe, dessen Freundin Henriette aus. So weit, so Boulevard. Bei Strindberg aber wird daraus eine zutiefst katholische Tragödie: Das Techtelmechtel wird zum Sündenfall stilisiert, und die bösen Gedanken der Verliebten, deren Glück Maurices uneheliche Tochter im Weg steht, werden mit der Höchststrafe vergolten. Das Kind stirbt, und aus dem Theaterjungstar wird über Nacht ein Mordverdächtiger.

Es sind seine Brüche und Widersprüche, die "Rausch“ so modern und spannend machen. Zugleich sind sie aber wohl auch der Grund dafür, dass dieses Stück selten aufgeführt wird: Es ist schwer, die richtige Mischung aus Realismus und Symbolismus, Farce und Drama zu finden. Stefan Pucher ist es im Akademietheater nicht gelungen. Die Aufführung ist der typische Fall einer Inszenierung, die nicht "aufgeht“. Man merkt das daran, dass jeder Schauspieler etwas anderes spielt. Lucas Gregorowicz (Maurice) gibt den zerstreuten Schmerzensmann, Catrin Striebeck (Henriette) einen schrillen Pollesch-Vamp, und Jörg Ratjen (Adolphe) gestaltet mit eingefrorener Mimik und steifem Gang das groteske Zerrbild eines gebrochenen Mannes. Jede Figur für sich hat was; zusammen aber geben sie kein stimmiges Bild ab. Das Ergebnis ist denkbar unbefriedigend: kein Rausch, nur Kater. WK

Akademietheater, 19. und 29.1., 20.00


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