Neu im Kino

Eine neue Logik der Sinne: Godards letzter Film?

Lexikon | aus FALTER 03/11 vom 19.01.2011

Dreihundert Wörter über Jean-Luc Godards "Film Socialisme“? Man kann es immerhin versuchen, zumal ein paar tausend Wörter auch nicht genügen würden, um diesem Film gerecht zu werden. Denn wann und wie wird man überhaupt einem Film wie diesem "gerecht“? Indem man ihn beschreibt, interpretiert, kanonisiert? Godard entzieht sich seit Jahrzehnten derartigen Klassifizierungen, und auch in seinem vorgeblich letzten Film vollzieht sich kein Geschehen; vielmehr wohnt man dessen Nachhall bei, denn vor allem gilt es bei diesem Film genau hinzuhören. Bei der Premiere in Cannes präsentierte Godard eine in "Navajo-Englisch“ untertitelte Fassung (in Wien läuft die deutsch untertitelte Version), bei der man hauptsächlich einzelne Begriffe und lose Wörter vorgesetzt bekommt. Große Aufregung bei der Kritik und der alte Vorwurf, die Möglichkeit zur Interpretation (also das "Verständnis“) des Films zu verweigern. Dabei ist diese Version des Films, in dem Französisch, Englisch, Russisch, Hebräisch und noch ein paar andere Sprachen gesprochen werden, großartig, weil das Verhältnis von Auge und Ohr - die Kinosinne - eine Neuordnung erfährt. Eine neue Logik der Sinne. Einmal miauen zwei Katzen einander zu, als ob sie sich unterhalten würden. Und ja, sie unterhalten sich (für uns).

Eine gewisse Ordnung ergibt sich durch Stationen eines Luxusliners auf Mittelmeerkreuzfahrt (Odessa, Palästina, "Hell As“, Napoli, Barcelona) sowie durch drei Kapitel ("De choses comme ça“, "Quo vadis Europa?“, "Humanités“). Doch im Grunde ist die Ordnung eine innere, deren Beschreibung als Collage unbeholfen bleibt, so wie Godard seinen Kritikern, Interpreten und Apologeten immer einen Schritt voraus ist. Das erinnert an die Stimmen, die man an Bord von "Film Socialisme“ zu hören bekommt: Wortfetzen im Wind. MP

Derzeit im Gartenbaukino (OmU)


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