Theater Kritik

Mythische Mysterien - überzeugend serviert

Steiermark | Hermann Götz | aus FALTER 03/11 vom 19.01.2011

Es ist nicht der Stoff, der sich zum Gassenfeger eignet. Und Friedrich Hebbel nicht der Autor. Schauspielhaus-Chefin Anna Badora hat Mut bewiesen, als sie einen ihrer prominentesten Regisseure dieser Spielzeit (Elmar Goerden) samt bekanntem Gastdarsteller (Felix Vörtler) in das Wagnis "Judith“ schickte. Der an der Berliner Schaubühne u.a. bei Peter Stein sozialisierte Goerden gilt als feinfühliger Regie-Intellektueller, seine Künstlerbiografie hält inzwischen bei ästhetisch konservativen Arbeiten, die gerne ein zarter Humor veredelt. So auch in seiner Grazer Inszenierung. Gelassen führt er sein Ensemble durch das wortgewaltige Vorspiel zum biblischen Schlafzimmermord. Silvia Merold und Ulf Stengl haben dafür eine beeindruckende Bühne gebaut, die Darsteller zwängen sich zwischen vertikalen Lamellen auf die Bühne, als entstiegen sie allesamt einem riesigen Buch: Von Hebbel und Goerden erweckt, treten die alten biblischen Gestalten ins Scheinwerferlicht. Da passt es wunderbar, dass Verena Lercher mit vitaler, geradezu kraftvoller Bühnenpräsenz die Chance nutzt, in einer ganz großen Rolle zu glänzen; Vörtler lässt ihr als souveräner Holofernes reichlich Raum dazu. Und auch der kluge Kunstgriff, für Stefan Suske und Pia Luise Händler zwei Rollen auszubauen, die dem großen Drama einen sehr menschlichen, mitunter komischen Widerpart geben, kommt dem Stück samt seiner Titelrolle sehr zugute. So ist ein künstlerisch bis ins Detail überzeugender Abend gelungen, der die wuchernde Wucht des Textes virtuos kanalisiert und vorzeigt, wie man Hebbel heute bringen kann. Warum man ihn bringt, erklärt er allerdings nicht. Judiths dramatischer Psychotrip zwischen Ego und Gott, zwischen Sendungsbewusstsein und sexuellen Sehnsüchten genügt sich selbst und der Regie, er bleibt somit Mysterium.

Schauspielhaus Graz, Mi, Do 19.30


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