Meinesgleichen

Falter & Meinung | aus FALTER 03/11 vom 19.01.2011

Als ich ein Meerschweinchen aus Marzipan bekam

Tatsächlich, meine Meerschweinchengemeinde hat sich erweitert. Dachte ich bisher, meine Kundschaft hauptsächlich in Blogs anzutreffen, schenkten mir zu den Feiertagen Freunde ein ausgewachsenes Meerschwein aus Marzipan. Ich mag Marzipan. Die Freunde hatten die angesehene Wiener Konditorei Heiner angestiftet, mir ein Prachtexemplar herzustellen. Sie wollten mich damit von meinem vermeintlichen Pro-Amerikanismus heilen, der doch nur ein Anti-Antiamerikanismus ist und dem es vor allem darum geht, nicht bei jedem Anlass, bei dem sich der amerikanische Staat verbrecherisch benimmt (deren gibt es viele), gleich den Stab über ganz Amerika oder die gesamten USA zu brechen. Schlicht gesagt: Auch dort gibt es solche und solche.

Ich nahm das Marzipangebilde dankend entgegen, erklärte aber, dass ich meinen Meerschweinchenbegriff nicht erweitern möchte. Er bezieht sich auf jene reflexfrohe Gemeinde techno-optimistischer Internetnutzer, die sich ihre Zeit mit allerlei Gagdets und bedeutenden Kurzmitteilungen vertreiben und das für ungemein wichtig halten, was es gewiss ist. Ich zähle mich übrigens selbst zu dieser Gemeinde, zumindest teilweise, und meist unfreiwilligerweise: Oft genug ärgere ich mich, wenn ich, statt jemandem zuzuhören, auf dem Handy Mails checke oder nachsehe, was die M-Gemeinde gerade wieder an grantigen, biopolitisch grundierten Reflexen über meinen letzten Kommentar auszustoßen beliebt. Es ist nicht leicht, kein Meerschweinchen zu sein.


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