Kritik

Die apokalyptischen Reiter des Finanzkapitals

Lexikon | aus FALTER 04/11 vom 26.01.2011

Zuerst steigt der Rauch chaotisch aus den Schornsteinen. Nach dem Kioto-Protokoll weht er in Reih und Glied, als hätte ihn ein Beamter auf Linie gebracht. Der Künstler Dan Perjovschi zeichnete diesen Cartoon an die Wand des Kunstraums Niederösterreich, wo die Ausstellung "Nach Demokratie“ zu sehen ist. Es ist der gelungene Versuch, eine Form für ein aktuelles Ereignis zu finden. So lassen sich komplexe Sachverhalte in wenigen Strichen auf den Punkt bringen. Das gelingt nicht allen teilnehmenden Künstlern.

Oliver Ressler schreibt "Too Big to Fail“ an die Wand; die riesigen Lettern bestehen aus den Fotos demonstrierender Menschen. "Zu groß, um unterzugehen“, hieß es über jene Banken, die im Zuge der Finanzmarktkrise vom Staat gerettet wurden. In einer Ausstellung bezieht der Betrachter diesen Satz aber auf das Werk selbst: Größe ist in der Kunst kein Kriterium für Qualität. Sich auf die politologische Studie "Postdemokratie“ von Colin Crouch beziehend, presste der Kurator Raimar Stange in dieser Karikatur einer Politkunstschau die Werke durch das Raster kritischer Theorie. So werden die Arbeiten zu inhaltsschwer, um im Auge des Betrachters ein Eigenleben zu entwickeln. Sarah Ortmeyer zündete einige Tapeziertische an. Vier teilweise verkohlte Tische stehen im Raum. Die offizielle Interpretation von "Dilemma“ lautet, dass das Werk "die prekäre Eingebundenheit der Kunst in unsere neoliberale Gesellschaft“ symbolisiere. Der Thailänder Rirkrit Tiravanija ließ von Kunststudenten Fotos nachzeichnen. Auf den "Demonstration Drawings“ sind die Demos gegen die thailändische Regierung zu sehen. Beutet der Künstler Studenten aus? Nein, "er stellt den Widerstand gegen Postdemokratie in den Mittelpunkt“. Md

Kunstraum Niederösterreich, bis 31.10.


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