Musiktheater Kritik

Die "Traviata“ als mächtiges Crescendo

Steiermark | Herbert Schranz | aus FALTER 04/11 vom 26.01.2011

Dem zarten Orchestervorspiel von Verdis "La Traviata“ (1853) verleihen die Grazer Philharmoniker unter Tecwyn Evans feste Konturen. Die Tiefe der Bühne und des gespiegelten Lebens bleibt vorerst durch einen purpurnen Vorhang verborgen. Erst als Violettas (Marlis Petersen) Zuneigung zum inmitten der Smokinggesellschaft Dufflecoat tragenden Alfredo (Giuseppe Varano) Farbe gewinnt, färbt sich der Vorhang orange. Man beginnt das Vokabular von Peter Konwitschny und Johannes Leiacker (Bühne) zu ertasten. Große Sprünge werden mit diesem im ersten Akt aber noch nicht gemacht.

Der ohne Pause anschließende zweite Akt nimmt tüchtig Fahrt auf, die Bühne gewinnt an Tiefe. Im Ringen mit Alfredos Vater Giorgio (brillant James Rutherford) entfaltet sich Petersen als Violetta stimmlich und dramatisch souverän. Giorgios Brutalität - die Brutalität der feinen Gesellschaft - entlädt sich auch an seiner mitgeführten kindlichen Tochter (Theresa Wakonig). Der dritte Akt schließlich enthüllt die Tiefe der Bühne und das Schwarz der Lebensgrenze der tuberkulösen Violetta. In einem Regiehöhepunkt klettert Alfredo über die Logenbrüstung zu den Zuschauern und vergrößert die Distanz ins Unermessliche. Der Orchestergraben wird zum Flussbett zwischen zusehendem Leben und dem Tod, der Violetta verschlingt. Dieses Kulminieren konnte am Publikum nicht vorbeigehen, der Beifall war beträchtlich. Er galt auch einer sängerischen Leistung, die zwar anfangs ihre Grenzen zu haben schien - analog zur träge anlaufenden Aktion -, sich aber mit dem Auftritt James Rutherfords insgesamt überzeugend entwickelte und an Brillanz zulegte. Die Grazer Philharmoniker vermittelten Verdis große, dezent morbide Musik kompakt, mit zum Teil überzogen aufgetragenen Akzenten.

Oper Graz, Mi 19.30 Uhr


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