Die Ministerin fragt: "Ja, wo ist denn der Dichterling?"

Steiermark | Herwig G. Höller | aus FALTER 04/11 vom 26.01.2011

Thomas Bernhard wäre achtzig. Graz feiert mit Bruno Ganz

Bruno Ganz liest Thomas Bernhard - er macht das schon seit Jahrzehnten und insbesondere auch öffentlich. Zudem feierte der Schauspieler in Bühnenwerken des österreichischen Dramatikers große Erfolge. Und 1974 widmete ihm der Autor sogar ein Stück. Die ihm auf den Leib geschriebene Titelpartie in "Die Jagdgesellschaft" konnte der damals an der Berliner Schaubühne Verpflichtete bei der Premiere im Wiener Burgtheater aber dennoch nicht spielen. Die Gemeinheit von Ganz’ Wiener Kollegen, so beklagte sich Bernhard später bitterlich, habe dies unmöglich gemacht.

Bereits 2003 las Ganz Bernhard in Graz, damals aus dem Klaviervirtuosenroman "Der Untergeher". Diesmal steht die aus dem Nachlass erst 2009 veröffentlichte Textsammlung "Meine Preise" am Programm. Der Autor hatte dieses autobiografische Prosawerk bereits 1980 finalisiert. Auf der Höhe seiner Erzählkunst berichtet Bernhard darin über die zahlreichen Literaturpreise und ihre Verleihungen, die er seit seinem literarischen Durchbruch erlebt hat. Etwa von der Verleihung des Grillparzerpreises 1972: "Nach einiger Zeit blickte die Ministerin (Wissenschaftsministerin Herta Firnberg, Anm.) in die Runde und fragte mit unnachahmlicher Arroganz und Dummheit in der Stimme: ‚Ja, wo ist denn der Dichterling?‘"

Für die kommende Lesung im Grazer Literaturhaus gibt es einen besonderen Anlass. Der 1989 verstorbene Bernhard hätte am 9. Februar seinen Achtziger gefeiert, Ganz selbst begeht am 22. März übrigens seinen Siebziger. Bernhardianer werden in jedem Fall voll auf die Rechnung kommen. Zumal vor der Lesung noch das Screening der Doku "Thomas Bernhard. Die Kunstnaturkatastrophe" am Programm steht. Einige Tage später wird sie auch auf Arte zu sehen sein.

Literaturhaus Graz, Do 19.00


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