Meinesgleichen

Falter & Meinung | aus FALTER 04/11 vom 26.01.2011

Lesen wir noch oder scannen wir schon?

Das Ende der Schriftkultur ruft heute keiner aus; so viel Schrift war nie. Eine im Wissenschaftsmagazin Science veröffentlichte Studie der Harvard University wurde dieser Tage in den Zeitungen zitiert. Das aus Mathematikern, Informatikern, Soziologen und Linguisten bestehende Team kam zu - je nach Standpunkt - beeindruckenden oder No-na-Ergebnissen.

So hat sich der Wortschatz der englischen Sprache in den letzten hundert Jahren verdoppelt; wen wundert’s, in Anbetracht all der nützlichen neuen Erfindungen von Atombombe bis Zerstörer? Auch hat sich die Struktur der Sprache vereinfacht, unregelmäßige Formen verschwinden zugunsten regelmäßiger (das kennen wir aus dem Deutschen, wer sagt heute noch "buk“ statt "backte“, und wer vermöchte einen Kulturverlust darin erkennen?)

Der Hauptkritikpunkt der Studie scheint in dem zu bestehen, was sie selber betrieb: dass man nämlich nicht mehr lese, sondern nur noch Textmassen mittels Suchbefehlen durchforste. "Aus Lesern“, referierte die NZZ, die gleich mit einem Feuilleton-Artikel nachdoppelte, "werden so Benutzer, die Literatur nicht mehr um ihrer selbst willen lesen, sondern nur noch wie mit einem Scanner nach Antworten auf vorgegebene Fragestellungen abtasten.“ Falls Ihr Scanner es bis hierher geschafft hat, können Sie ihn abstellen. Die Alphabetisierung schreitet unaufhörlich fort; dass sie mit Literarisierung oder gar Demokratie einhergehen muss, war immer nur ein Mythos.

Quelle:

Neue Zürcher Zeitung 29.12.2010


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