Enthusiasmuskolumne

Später Ruhm für frische Flecken

Diesmal: Die beste Wiederentdeckung der Welt der Woche

Feuilleton | Matthias Dusini | aus FALTER 04/11 vom 26.01.2011

Vor zwei Jahren überzeugte der US-amerikanische Künstler Cy Twombly im Museum moderner Kunst das Wiener Publikum davon, dass Gekrakel auf der Leinwand kein expressionistisches Posing sein muss, sondern die Welt mit cooler Lässigkeit zu bereichern vermag. Bis 8. Mai hat man im Essl Museum die Gelegenheit, in ein Werk von besonders leichter Eleganz einzutauchen. Es stammt von der Wiener Künstlerin Martha Jungwirth.

Die 71-jährige Malerin gehört zu jenen Achtundsechzigern, die einen Realismus für die Kunst forderten, ohne deswegen gleich Tiere schlachten und Gruppen für Sexualtherapie gründen zu müssen. Kunstkritiker packten Jungwirth und einige Kollegen wie Franz Ringel, Peter Pongratz, Robert Zeppel-Sperl und Kurt Kocherscheidt zu einer Gruppe zusammen und gaben ihr den Namen "Neue Wirklichkeiten“.

Das Label war so erfolgreich, dass die Künstler eine Zeitlang von den Museen und Galerien gefördert wurden. Als Mitte der 90er-Jahre der Kunstmarkt nach einer längeren Krise wieder in die Gänge kam, waren "die Wirklichen“ nicht mehr mit von der Partie. Bis Albert Oehlen kam.

Der deutsche Maler durchforstete im Auftrag von Agnes und Karlheinz Essl die Depots des Essl Museums, um eine Auswahl zusammenzustellen. "Das sind ja tolle Bilder“, jubelte er, als er zum Jungwirth-Regal vorgedrungen war. Ihrer Serie "Spittelauer Lände“ ist ein ganzer Raum gewidmet. Endlich kann der Quatsch von den "Wirklichkeiten“ revidiert werden, diese leise Bildsprache Raum gewinnen. Man sieht Jungwirth am Erbe der Abstraktion weiterarbeiten und deren ins Leere laufende Normgestik - etwa bei den Kollegen Prachensky und Staudacher - unterlaufen.

Die Rinnsale und Flecken wuseln beiläufig über den Malgrund. Der Zufall liegt Jungwirths Kompositionen als Methode zugrunde. Fast könnte man meinen, die Farben wären von selbst explodiert, zärtlich detoniert in der Stille.


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