Ins Mark

Bigott, by God

Der Kommentar zur steirischen Woche

Steiermark | aus FALTER 04/11 vom 26.01.2011

Wenn die schöne Stadt Graz dieser Tage ihr zehnjähriges Dasein als "Menschenrechtsstadt“ feiert und außerdem der Tag, da sie sich mit einem weiteren Epitheton, dem einer Unesco City of Design, schmücken darf, dem Vernehmen nach nicht mehr fern ist, so soll hier daran erinnert sein, dass beide Titel nicht wenig miteinander zu tun haben: Beide bauen auf Toleranz.

In der Kreativwirtschaft gilt diese gemäß deren Vordenker Richard Florida gar als eines der "drei T“. Und ist damit nebst Technologie und Talent ein knallharter Standortfaktor, wenn es darum geht, Vertreter der globalen kreativen Klasse zwecks kunterbunt-kollektiver Mehrwertgenerierung in eine Stadt zu locken. Hier angelangt wird freilich der eine oder andere Kreativwirt bald merken, dass das Toleranz-Bekenntnis eines guten Teils der politischen Kaste doch von einer gehörigen Portion Bigotterie durchwirkt ist. Zwei aktuelle Beispiele: Gerade wird in der Stadt von FPÖ, ÖVP und SPÖ eine Ausweitung des Alkoholverbots vorbereitet, das vor sechs Jahren weniger erfolgreiche Mitglieder der Grazer Gesellschaft vom Hauptplatz verjagt hat, auf dass ihr Anblick das Bürgertum nicht länger beim gepflegten Punsch- und Proseccokonsum störe. Und in wenigen Wochen wollen ÖVP und SPÖ das Land auch noch romafrei machen, indem sie ein generelles Bettelverbot für die Steiermark beschließen. Ohne dass irgendwann sachlich über die Grazer Roma diskutiert worden wäre. Ohne auf Experten zu hören, ohne Versuch, diesen Leuten ernsthaft zu helfen. Und die Interessenvertreter der Kreativwirtschaft? Kein Mucks. Kein Plädoyer für mehr "T“. Wenn das Richard Florida wüsste.

Thomas Wolkinger leitet die Redaktion des steirischen Falter


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