Fragen Sie Frau Andrea

Gesichter, Gebisse, Stern und Turbane

Kolumnen | aus FALTER 04/11 vom 26.01.2011

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

vor kurzem suchte ich das Institut für Tropenmedizin auf, um mein Immunsystem für eine Afrikareise aufzupeppen. Auf dem Nachhauseweg sah ich mir die Fassade der Lenaugasse 3 genauer an. Dort erblickt man über dem Tor einen beturbanten Kopf mit zotteligem Bart, einen vielbezackten Stern und über den fünf Fenstern des Mezzanins Gesichter, Gebisse und maskenartige Ornamente. Wissen Sie, was es mit diesen steinernen beißenden Blicken auf Passanten und Geimpfte auf sich hat?

Mit freundlichen Grüßen,

Jan Mossakowski von der Mazzesinsel, per Elektronachricht

Lieber Jan,

das hochbarocke Haus "Zum Weißen Stern“ lag vor der Schleifung der Stadtmauern direkt am Glacis und hatte freie Sicht auf die Stadt. Die fabelhafte Aussicht war offenbar der Grund, warum es um ein Stockwerk und ein Dachgeschoß erhöht wurde. Als sein Erbauer gilt Donato Felice d’Allio, Mitglied einer ursprünglich aus Como stammenden, ebenso berühmten wie weitverzweigten italienischen Architektenfamilie. D’Allio dürfte 1711 ein hier schon im Mittelalter stehendes Haus um- und ausgebaut haben. Darauf lassen die tiefen mittelalterlichen Keller unter dem Gebäude schließen. Von einem dieser Keller soll früher ein Gang in die Innenstadt, gerüchteweise zur Hofburg, geführt haben. D’Allio war Polier beim Bau der Piaristenkirche, errichtete Kirche und Kloster der Salesianerinnen am Rennweg und war am barocken Ausbau von Klosterneuburg beteiligt. Auf seine Rolle als kaiserlicher Fortifikationsbaumeister dürfte der Keilstein der Wageneinfahrt seines Hauses anspielen: Ein Türke mit Turban und langem, dreadgelocktem Bart sieht mit müden Augen direkt auf die Basteien vor der Hofburg und spielt damit auf die Türkenbelagerung von 1683 an. Über das Programm der fünf Giebelgrotesken ist außer gelegentlichen Irritationen Frischgeimpfter nichts Näheres bekannt; Kunsthistoriker halten sie für Dekorationselemente. D’Allios eingerauchter Osmane bewacht seit 1984 den Eingang zu den Couleurtreffen der Hausbesitzer - der Katholischen Österreichischen Studentenverbindung Rudolfina. Als deren bekannteste Mitglieder gelten die Bundeskanzler Engelbert Dollfuß und Josef Klaus sowie der Erzbischof von Wien, Franz Kardinal König.


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