Enthusiasmuskolumne  

Taeko und Mokichi essen Reis

Diesmal: Der beste Late-Night-Snack der Welt der Woche

Feuilleton | Klaus Nüchtern | aus FALTER 05/11 vom 02.02.2011

Im Gesamtwerk von Yasujiro Ozu hat "Der Geschmack von grünem Tee über Reis“ insofern eine Ausnahmestellung, als man sich den Titel gut merken kann - im Unterschied zu "Früher Frühling“, "Später Frühling“, "Sommerblüten“, "Spätherbst“, "Weizenherbst“, "Ein Herbstnachmittag“ und allen fünf Filmen, in denen "Tokio“ vorkommt. "Ochazuke no aji“, so das japanische Original (das ja womöglich was ganz anderes heißt - "Reisernte im Frühherbst“ zum Beispiel), unterscheidet sich aber auch insofern stark von den meisten Filmen Ozus, als keine erwachsene Tochter verheiratet wird. Außerdem wird hier mehr gefahren und geflogen als in jedem anderen Ozu-Film. Die Anfahrt auf die Station Hamamatsu mit ihren vorbeiziehenden Telegrafenmasten und Stahlbrücken, die man sich auch auf Youtube ansehen kann, ist ein Fest für alle der Eisenbahnfahrt zugeneigten Cinephilen ("customers who liked the opening sequence of Fritz Langs, Human Desire‘ …“).

Taeko entflieht der Fadesse ihrer schal gewordenen Ehe ins Spa, ihr Mann Mokichi wird auf einen Business-Trip nach Uruguay geschickt, der jedoch wegen Maschinenschadens ausfällt. So treffen die beiden doch noch in der eigenen Wohnung aufeinander, obwohl Taeko auf Mokichis Telegramm nicht reagiert hat und der drohenden Aussprache aus dem Weg gegangen ist. Gemeinsam bereiten die beiden den titelgebenden Late-Night-Snack zu.

Eine Ehe müsse sein wie grüner Tee auf Reis, meint Mokichi (der seiner Frau nicht mondän genug ist). Diese Botschaft wäre abgeschmackt, hätte Ozu daraus nicht eine der großartigsten Viertelstunden der Filmgeschichte gemacht. Sie zeigt ein Ehepaar, das in der Küche steht, redet, Reis löffelt, Gurke schneidet. Selten ist im Kino mit so schlichten Zutaten ein so grandioses Gericht zubereitet worden. Gar keine Frage: Mehr als die Evokation des Geschmacks von grünem Tee auf Reis kann eine Ehe, kann das Kino nicht leisten.

Am 6.2., 16 Uhr im Filmmuseum


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