Selbstversuch

Da bin ich mit meinem Latein schon am Ende

Kolumnen | Doris Knecht   | aus FALTER 05/11 vom 02.02.2011

Während ich eben erst das Konzept der Good-enough-Mother von Good-enough-Kids entdeckt und für eklatant daseinserleichternd befunden habe, zeigt Amy Chua der Welt, dass einer wirklich guten Mutter niemals etwas gut genug ist, besonders nicht ihre Kinder. Chua bringt mit ihrem Buch "Battle Hymn of the Tiger Mother“ (deutsch: "Die Mutter des Erfolgs: Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte“) das Modell der "chinesischen Mutter“ in die globale Erziehungsdebatte ein, und hallo, die würde nicht in der Zeugnisbesprechung sitzen und finden, es sei doch eh okay, wenn das Mimi eineinhalb Jahre vor dem Übertritt ins Gymnasium auf einer Eins und einer Eins und einer guten Zwei steht. Da würden daheim bei Chuas die Fetzen fliegen, da würde Grammatikdrill exerziert, bis das sitzt in dem Kind, Essensentzug und Kloverbot inklusive.

Mir fehlt es an Ehrgeiz, was die Förderung meiner Kinder betrifft. Rechtzeitig ins Bett zu gehen war das Einzige, was ich den Mimis bislang mit allem nötigen Nachdruck beibrachte, und zwar, damit ich meine Abende weiterhin in apathischer Ehrgeizlosigkeit verbringen kann. Das wirft kein gutes Licht auf mich, ich weiß schon. Wobei meine Ehrgeizlosigkeit vermutlich schon ein Produkt meiner glücklichen, von lieben, unterehrgeizigen Eltern versauten Kindheit ist, die letztendlich in einer sozialen Abwärtsspirale enden wird, die meine Ururenkel zurück auf die Bäume treibt, wo sie sich von den Läusen ernähren werden, die sie sich grunzend gegenseitig aus dem Fell picken. Ich ruiniere, lerne ich von Chua, die Mimis und ihre Zukunft mit meinem verantwortungslosen Laissez-faire. Indem ich sie, anstatt sie unermüdlich zu Supermenschen zu formen, ihre Nachmittage mit sinnlosem, ja, existenzgefährdendem Spielen verbringen lasse, verstelle ich ihnen schon als Achtjährige ein Dasein als angesehene Investmentbankerinnen, Immobilienhaie, Wirtschaftsjuristinnen, als bewunderte Finanz-, Justiz- oder Innenministerinnen. Mea culpa, mea maxima culpa.

Was übrigens der einzige lateinische Satz ist, den ich beherrsche, und wenn sich der Lange und ich nicht endlich um das bestmögliche Gymnasium für die Mimis kümmern, wird es denen nicht besser gehen. Obwohl, dafür ist es längst zu spät, das hätten wir wahrscheinlich schon bei der Wahl der Krabbelstube mitbedenken sollen oder als wir fahrlässig ignorierten, dass sie im Alter von drei Jahren weder lesen noch schreiben noch bruchrechnen konnten. Tja. Jetzt ist es zu spät.

Und so wie das im Moment aussieht, sind den Mimis alle Chancen, Großartiges zu erreichen, für immer zerstört und sie werden wie ihre Eltern zufriedene, ambitionslose Mittelfeldversager, die in Altbaumietwohnungen kreativ auf ihren Gitarren schrammeln, komisches Zeug schreiben und versuchen, nett zu sein.

Es tut mir leid, Mimis, das hab ich nicht gewollt.


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