Kritik

Über 50 komplett absurde Szenen in drei Stunden

Lexikon | Martin Lhotzky | aus FALTER 06/11 vom 09.02.2011

Sie: "Warum macht sich die Insel England bei starkem Wind nicht davon?“ Er: "Na, weil sie vertäut ist! Mit dem vielen Tau auf dem ganzen Gras dort, Dummerchen!“ - Was diesen, nun ja, eher müden Kalauer bemerkenswert macht, ist seine Inszenierung. Er und sie liegen im Bett, das Bett hängt hochkant in der Mitte der Wand, wir sehen die beiden quasi in der Draufsicht - für fünf Minuten. Dunkel. Nächste Szene. Ein Hotelflur, eine Tür geht auf, der Heraustretende kriegt einen saftigen Boxhieb auf die Nase verpasst. Dunkel. So geht es Schlag auf Schlag bei den "Zwischenfällen“ im Akademietheater. Ganz zu Recht ernten Technik und Bühnenarbeiter hier ebenso tosenden Applaus wie Schauspieler und Regie.

Über 50 komplett absurde Szenen nach Skizzen von Georges Courteline (1858-1929), Pierre Cami (1884-1958) oder - meist - Daniil Charms (1905-1942) und noch anderen zeigt Andrea Breth mit ihrem hochkarätig besetzten Ensemble. Das unerhört wandlungsfähige Bühnenbild (Martin Zehetgruber) in warmem Beige - mal Korridor, dann Konzertsaal und immer wieder eine durch ein Golfballmissgeschick zertrümmerte Zimmerwand - und die grauen Anzüge und Kostümchen (Moidele Bickel) lassen den Schauspielern viel Freiheit für Albernheiten aller Art. Und das ist eigentlich urkomisch! Markus Meyer tanzt akrobatisch, Roland Koch spielt auf Blasinstrumenten (Alphorn!) und der Klaviatur verschiedener Dialekte, Elisabeth Orth telefoniert offenbar zum ersten Mal, und Peter Simonischek legt mit Udo Samel den anmutigsten Pas de deux seit Laurel & Hardy aufs Parkett: nur einige der Höhepunkte. Man könnte bemäkeln, dass solche Szenen bei Wittenbrink oder auch Marthaler schon zu sehen waren - aber noch nie so geballt während dreier kurzweiliger Stunden.

Akademietheater, Mo 19.30


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