Neu im Kino

Politisches Geisterkino aus Teheran: "The Hunter“

Lexikon | Joachim Schätz | aus FALTER 06/11 vom 09.02.2011

Zuerst ist alles Bewegung, Farbe, Energie: Angeschoben von Rockakkorden rauscht die Kamera über ein Mosaik von Punkten. Erst am Ende der Vorspannsequenz lässt sich das Muster als Foto entziffern, behält aber sein Rätselhaftes: Was wie eine Fäuste schwingende Bikergang ausschaut, ist tatsächlich eine Aufnahme der Islamischen Revolutionsgarden beim ersten Geburtstag des iranischen Umsturzes von 1979.

So sehr diese Ouverture formal aus dem übrigen Film heraus fällt - Rafi Pitts’ "The Hunter“ ist ansonsten geradezu irritierend nüchtern und gleichmäßig in Szene gesetzt -, so genau passt sie thematisch. Wie das Foto macht sich der "neorealistische Western“ (Pitts) uramerikanische Topoi zunutze, um von einer Auflehnung in Teheran zu erzählen: Pitts selbst leiht sein schmales, hartes Gesicht dem Ex-Häftling Ali, den ein Posten als Nachtwächter von seiner Familie trennt. Als eines Morgens Frau und Tochter spurlos verschwunden sind und sich die Behörden als schikanös erweisen, stößt die Duldsamkeit des Hobbyjägers an Grenzen.

Abgedreht wurde Pitts’ Film kurz vor Beginn der massiven Proteste im Sommer 2009, fertig gestellt im folgenden halben Jahr. Dank einiger genau gesetzter Verweise auf die politische Gegenwart wirkt "The Hunter“ inzwischen wie ein Geisterfilm der niedergezwungenen iranischen Protestbewegung: Das Gespenst eines Umsturzes scheint in Alis mühsam beherrschtem Gesicht zu arbeiten. Weniger Eindruck als Pitts’ Präsenz machen die schwerfälligen Symbolismen seiner Inszenierung: als hätte dieser Stoff schicksalhaft nachhallende Schüsse, Autowäsche in blutrotem Licht oder bedeutungsschwangere Plüschtiere nötig.

Ab Fr im Stadtkino Wien (OmU)


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