Kritik

Ein Geburtstagsgeschenk: Bernhard, Peymann, Voss

Lexikon | aus FALTER 07/11 vom 16.02.2011

Der alte Schauspieler in dem späten Stück "Einfach kompliziert“ ist eine von Thomas Bernhards sympathischsten Figuren. Aber vielleicht liegt das ja auch nur daran, dass es niemanden mehr gibt, den er quälen kann: Der 82-jährige Mann ist allein mit seinen Erinnerungen, seine verwahrloste Wohnung verlässt er nicht mehr; einziger Kontakt zur Außenwelt ist ein neunjähriges Mädchen, das ihm zwei Mal in der Woche eine Kanne Milch bringt. Das Stück war ein Geburtstagsgeschenk zum 80er von Bernhard Minetti, die Uraufführung fand 1986 in Berlin statt. Regie führte ausnahmsweise nicht Claus Peymann, sondern der schon damals unbekannte Klaus André; die Inszenierung wurde Ende 1986 dennoch ins Repertoire des Akademietheaters übernommen.

25 Jahre später steht das Stück dort wieder auf dem Spielplan; Anlass ist diesmal Thomas Bernhards 80. Geburtstag, Regie führte endlich Peymann selbst, und alles ist wie früher: Bühnenbildner Karl-Ernst Herrmann hat einen dieser hyperrealistischen Bernhard-Räume entworfen, Dramaturgin Jutta Ferbers hat eines dieser fetten Peymann-Programmbücher zusammengestellt. Gert Voss, der Superstar der Peymann-Ära, spielt die Minetti-Rolle, für die er eigentlich zehn Jahre zu jung ist. Er dröhnt wie ein Provinzschauspieler und greint wie ein Kind; er schüttet sich den Inhalt seines Nachttopfs über den Kopf und zieht sich die Krone, die er einst (in Duisburg!) als Richard III. trug, bis über beide Ohren. Bernhard und Peymann, das war und ist ein ideales Paar; von Peymann und Voss konnte man das zuletzt nicht behaupten. Die lange Pause aber hat ihrer Arbeitsbeziehung sichtlich gutgetan. Voss war jedenfalls schon lange nicht mehr so geerdet und so entspannt wie an diesem Abend. Aber vielleicht liegt das ja auch nur daran, dass es hier niemanden gibt, den er an die Wand spielen kann. WK

Akademietheater, Mi 19.30


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