Theater Kritik

Kaiser der Selbstsucht, der auf den Kern vergisst

Steiermark | Florian Labitsch | aus FALTER 07/11 vom 16.02.2011

Auf drei Schultern "lastet“ Peer Gynt im Grazer Schauspielhaus: Claudius Körber (Anfang 20), Sebastian Reiß (um die 40) und Gerhard Balluch (über 60) stellen die verschiedenen Altersstufen dar und stehen gemeinsam auf der Bühne. Henrik Ibsens dramatisches Gedicht wurde erstmals im Jahre 1876 uraufgeführt. Die deutschen Fassung stammt von Botho Strauß und Peter Stein und ist ein Mix aus Versen und Prosa. Gerhard Balluch meistert die Reimsprache souverän. Sehr überzeugend verkörpert Sebastian Reiß wiederum den norwegischen Sohn eines Bauern, der aus seinem kärglichen Dasein in phantastische Träumereien flieht, um der Realität zu entgehen.

Im Mittelpunkt von Ingo Berks Inszenierung steht die Identitätssuche des opportunistischen Hauptdarstellers. Dafür reist der um die halbe Welt und probiert verschiedene Rollen aus, findet aber doch nicht zu sich selbst. Zu Beginn des Stücks noch in Norwegen, will Gynt Kaiser werden, dann raubt er auf einer Dorfhochzeit Ingrid, die Braut, verliebt sich jedoch in die junge Solveig (überzeugend: Katharina Klar). Mit der Tochter des Trollkönigs, bravourös gespielt von Claire Vivianne Sobottke, zeugt er ein Kind. An der marokkanischen Küste gestrandet, landet Gynt als Geisteswissenschaftler schließlich im Irrenhaus von Kairo. Dort wird er zum "Kaiser der Selbstsucht“ gekrönt. Als alter Mann kehrt er in die Heimat zurück, Gynt hat viele Episoden, doch keinen Charakter hinterlassen: "Du bist ein Solala.“

Berk hat seinen knapp dreistündigen Gynt, der einmal nackt auf der Bühne steht, ein andermal gegen zwei Affen kämpft, ganz flott inszeniert. Allerdings fehlt dieser szenisch turbulent angereicherten, selbstreflexiven Studie ein wenig der Tiefgang. So wie dem Protagonisten selbst, der gegen Ende des Stücks eine Zwiebel schält, Schicht für Schicht abträgt und sich fragt: "Wo ist der Kern?“

Schauspielhaus Graz, Sa 19.30


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