Selbstversuch

So will der Lange jetzt auch leben

Kolumnen | Doris Knecht   | aus FALTER 07/11 vom 16.02.2011

Hat jetzt auch ein iPhone: Anna. Kam damit herüber, um sich die Funktionen erklären zu lassen, konnte aber eh schon fast alle. Eine, die sie noch nicht konnte, lernte sie selbigen Abends, als sie Doc A. anrief, der eben in Bulgarien weilte. Der Doc sagte, ah, du hast jetzt auch ein iPhone, schön, drück doch mal auf Facetime, was?, da, Facetime, wo?, ja da unten. Anna drückte und gelangte so in die schöne Position, an der Vernissage des Docs auch visuell teilhaben zu können, während die Vernissagenbesucher nicht nur mehr des Docs Werke bestaunen durften, sondern auch einen präzisen Eindruck davon bekamen, wie Anna aussieht, wenn sie in Unterwäsche mit schlammmaskierter Visage im Bett liegt und mit ihrem neuen iPhone telefoniert. Ich bin ja ein entschiedener Gegner der Videophonie, aus genau derlei Gründen und weil mich Haemmerli einmal genau in dem Moment von Mexiko aus anskypte, als ich mit Färbemittel im Haar und auf den Brauen an meinem Laptop saß. Seither behaupte ich, meine Webcam sei kaputt.

Ich höre die neue PJ Harvey, lese, weil der neue Geiger irgendwie verschwunden ist, Heinz Strunk und Elmore Leonard und habe letzte Woche circa zwölf Kinderfilme gesehen, darunter "Rapunzel“, wodurch ich jetzt weiß, warum der Kollege vom Departement Restaurantkritik im Kino geweint hat. Auch mich rührte der Streifen wesentlich mehr als, sagen wir, "Black Swan“. Außerdem war es mein erster 3-D-Film, ja, schauen Sie nicht so, dänische Sozialkrimidramen werden nun mal nicht in 3 D gedreht. Zudem war ich eislaufen, habe die Mimis mit zur Arbeit genommen, und der Lange hatte viel Spaß im Erlebnisbad; was Eltern, die dem Skifahren nichts abgewinnen können und von Schnee als solchem schon seit drei Monaten genug haben, in den Semesterferien halt so als Strafe aufgebrummt bekommen.

Wären wir in diesem Augenblick per Facetime verbunden, könnten Sie mich dabei beobachten, wie ich im Pyjama ein kleines privates Freudenfest feiere und - um einer höheren Macht mein Dankopfer dafür zu bringen, dass in diesem Augenblick die Schule wieder beginnt - drei Feuerwerksraketen vom Balkon schieße. Was nicht ganz ungefährlich ist, denn der Christbaum, der da draußen liegt, ist jetzt schon reichlich trocken. Ich finde, die Entsorgung von Christbäumen ist Männersache, während etwa das Finden von Kindergürteln und das Flechten von Zöpfen gerne weiterhin in meinem Geschäftsbereich ressortieren dürfen. Die Verteilung von Aufgaben in einer Familie ist ja höchst individuell, wie sich wieder zeigte, als wir kürzlich bei Freunden zum Essen eingeladen waren. Danach warf sich der Lange aufs Sofa, und sagte: So will ich jetzt auch leben, mach mir einen Schinken-Käse-Toast, bring mir ein Bier aus dem Kühlschrank und räum auf dem Weg bitte das Spielzeug weg. Mein glockenhelles Gelächter war noch bei Anna über der Straße zu hören, ganz ohne iPhone.


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