Fragen Sie Frau Andrea

Gleis-Behm, Isolierte und Schienenritzenkratzer

Kolumnen | aus FALTER 07/11 vom 16.02.2011

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

kürzlich hatte ich mit den Wiener Linien zu tun: Ich steuerte eine Straßenbahn der Linie 71 (das durfte ich, weil ich Journalist bin). In diesem Zusammenhang erklärte mir ein Straßenbahnfahrer, er gehöre zu den "Gleis-Behm“. Buschauffeure nenne man Öffi-intern die "Isolierten“. Wieso das so ist, konnte mir der Mann nicht erklären. Hast Du eine Ahnung?

Christopher Wurmdobler, per Hauspost

Lieber Christopher,

mit Deiner 71er-Fahrt bist Du in ein Universum eingetaucht, in dem selbst die meisten eingeborenen Wiener nur tangentiale Erfahrungen machen. In der Welt von Bim und Bus sind die p.t. Fahrgäste zur Passivität verdammt, der Fahrer ist der King. King allerdings würde kein Wiener sagen, denn der Wagenlenker heißt Dramwehschaföa (Tramway-Chauffeur). Der Ausdruck "Gleis-Behm“ (Gleis-Böhmen) ist eine Analogie zu Ziegel-Behm und bezeichnete im späten 19., frühen 20. Jahrhundert Arbeiter aus den Kronländern Böhmen und Mähren. Gleis-Behm waren bei Bau und Erhaltung des Wiener Straßenbahnnetzes beschäftigt. Bis in die 50er-Jahre waren als Gleis-Behm auch die vom Wienerliedersänger Turl Wiener besungenen Tramwayschienenritzenkratzer bekannt. Diese waren (meist ungelernte) Arbeiter, die die Straßenbahnschienen sauberhielten, indem sie mithilfe einer stockähnlichen Spezialschaufel oder eines kurzen und steif gebundenen Rutenbesens, der am anderen Stielende ein zugespitztes Flacheisen trug, den Schmutz entfernten. Diese Schienenkratzerei war besonders an den Weichen notwendig. Nach der Reinigung wurden die Weichen, aber auch Kurvenstücke mit einer Schwemme aus Wasser und Grafitpulver ausgegossen, um einerseits ein leichtes Funktionieren zu gewähren und andererseits ein quietschendes Geräusch beim Befahren zu verhindern. Heute werden statt der Gleis-Behm Schienenreinigungsfahrzeuge eingesetzt.

Mit dem Ausdruck "Isolierte“ bezeichnen die Angehörigen der Wiener Linien ihre Kollegen Buschauffeure. Die Isolierten sind isoliert, weil sie auf Gummireifen fahren, während die Metallräder der Straßenbahn dazu dienen, den über die Oberleitung aufgenommenen Strom über die Schienen abzuleiten (und somit unter Strom stehen). Bimbim!


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