Kritik

Greatest Hits: das Drama des Hans Orsolics als Posse

Lexikon | aus FALTER 09/11 vom 02.03.2011

Man stelle sich vor, Doktor Faust kommt nach der Premiere auf die Bühne und verbeugt sich. So etwas Ähnliches ist nach der Uraufführung von Franzobels Stück "Der Boxer oder Die zweite Luft des Hans Orsolics“ im Kasino tatsächlich passiert: Hauptdarsteller Johannes Krisch holte Hans Orsolics auf die Bühne und riss einen Arm des früheren Boxchampions triumphierend in die Höhe; die Orsolics-Fans im Publikum brachen spontan in "Hansi!“-Rufe aus. Der groteske und auch etwas beklemmende Epilog passte wie die Faust aufs Aug zu einem Stück, in dem die besten Episoden aus Orsolics tragikomischer Biografie zu einer Posse à la Franzobel verarbeitet werden. Der Autor, der das Theater einst mit seiner barocken Sprachlust überflutet hatte, ist längst zu einem routinierten Auftragsarbeiter geworden, der zu jedem Anlass ein witzelndes Konfektionsstück liefert. Sein Orsolics-Biodrama ist da keine Ausnahme. Dass man sich das trotzdem anschauen kann und soll, liegt vor allem an dem tollen Ensemble, dem man die Probenkrisen (Regisseur Niklaus Helbling stieg eine Woche vor der Premiere aus, Stefan Bachmann übernahm) nicht anmerkt.

Obwohl die Inszenierung starken Comic-Charakter hat, spielt Johannes Krisch den Orsolics nicht als Witzfigur, sondern als tragischen Helden, der daran scheitert, dass sein Talent zum Schlagen außerhalb des Rings alles kaputtmacht. Als Verkörperung von Orsolics’ innerem Schweinehund stellt Franzobel ihm eine Kunstfigur namens Puck zur Seite. Sarah Viktoria Frick spielt sie als wundersame Mischung aus Kobold und Fee, Kumpel und Verführerin. Das schräge Traumpaar aus "Stallerhof“ geht in die zweite Runde; und spätestens, wenn Krisch und Frick am Ende zärtlich "Mei patschertes Leben“ singen, haben sie auch diesmal die Herzen des Publikums gewonnen. WK

Burgtheater-Kasino, So, Mo, Di 20.00


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