Kritik

Raummalerei aus der Werkzeugkiste

Lexikon | Matthias Dusini | aus FALTER 09/11 vom 02.03.2011

Was im traditionellen Akademieunterricht die Perspektivzeichnung war, ist heute das Herstellen von Referenzen. Mit Referenzen auf Mies van der Rohe oder Luis Buñuel lässt sich ein mentaler Raum erzeugen, in dem der eigene künstlerische Standpunkt "verortet“ werden kann. Den Bezugsrahmen für Luisa Kasalicky, geboren 1974 in Prag, bilden Baumärkte und der öffentliche Raum, die sie zwecks Materialsuche durchstreift. In ihrer ersten großen Einzelausstellung in der Bawag Foundation verarbeitet sie ihre Referenzfunde zu Bildern, Skulpturen und Designobjekten. So türmte sie in Bauklötzchenmanier Ziegel zu einem Raumtrenner. Eine Wand ist mit Dachpappe überzogen, in die das Lochmuster von Deckeln alter Belüftungsrohre gestanzt ist; die Künstlerin fand es in alten Gemeindebauten. Einige Tafeln überzog sie mit handelsüblichem Reißlack, der den Krakelee-Effekt alter Gemälde imitiert; der Fundort war eine Geisterbahn im Wiener Prater.

In einem ersten Schritt bedient sich Kasalicky also einer musealen Methode: Sie konserviert Motive historischer Gestaltungen, ehe die nächste Renovierung kommt. Dann bearbeitet sie das Material wie eine Malerin. Erst wenn die Dachpappe wie ein Bild an der Wand hängt, sieht man, wie viele verschmierte Schwarz- und Grautöne diese Billigware aufweist. Die Bilder werden komplizierter, wenn sie vom Nachbarraum aus betrachtet werden: Dann verleihen ein paar in den Türrahmen geklemmte Messingleisten dem Anblick einen abstrakt-geometrischen Touch. Halb draußen in der Geschichte, halb drinnen im Atelier, erarbeitete sich die Künstlerin eine beachtliche formale Werkzeugkiste. Gegen eine Heerschar mit ähnlichen Referenzen arbeitender Kollegen muss sie allerdings noch ein Alleinstellungsmerkmal entwickeln.

Bawag Contemporary, bis 24.4.


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