Kritik

Schiele: Seher, Heiliger, Häftling

Lexikon | aus FALTER 09/11 vom 02.03.2011

Der Titel lässt auf einen Blockbuster tippen, es handelt sich aber um eine Nebenausstellung: Im Unteren Belvedere füllt die Schau "Egon Schiele. Selbstportraits und Portraits“ lediglich den Zweitraum Orangerie. Der Mangel an hochkarätigen Leihgaben war der Grund für die Zurückhaltung. Wenig überraschend fehlt das durch Gerichtsverfahren berühmt gewordene "Bildnis Valerie Neuzil“, das das Leopold Museum teuer zurückerworben hat. Aber dafür hat die von der US-Expertin Jane Kallir kuratierte Schau - die erste zu Schieles Porträts überhaupt - andere tolle Werke zu bieten. Etwa ein Aquarell aus der Neuen Galerie New York, das den jungen Erich Lederer dandyhaft vor buntem Ornament zeigt. Ihm gegenüber das Doppelbildnis des Zentralinspektors Benesch mit seinem Sohn: Wie der Vater den Arm autoritär zur Schranke hebt und der resigniert blickende Stammhalter die Hände ineinander krampft, erzeugt Schaudern.

Während das erste Ausstellungskapitel gar zu unvermittelt von Akademiearbeiten zum hochexpressiven Männerakt schwenkt, kommt die Präsentation dann über tolle Auftragsbilder wie "Der Verleger Eduard Kosmack“ in Fahrt und findet im Raum mit den Selbstporträts ihren Höhepunkt. Das großäugige Genie vor dem Spiegel, mal melancholisch, mal arrogant, in den Rollen Seher, Heiliger oder Häftling: Diese Zusammenschau macht den Ausstellungsbesuch zur Pflicht. Am Ende der Schau bleibt ein Zweifel, ob - allen Bildnissen von Edith Schiele zum Trotz - des Künstlers Frauenporträts nicht noch mehr Augenmerk verdient hätten. NS

Belvedere Orangerie, bis 13.6.


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