Neu im Kino

Schuld und Gedächtnis: "Liebe Geschichte“

Julia Zarbach | Lexikon | aus FALTER 09/11 vom 02.03.2011

Mit einem filmisch weitgehend unbearbeiteten Aspekt des vielgeschröpften Themas "Nationalsozialismus“ setzt sich das österreichische Filmduo Klub Zwei auseinander: In "Liebe Geschichte“ wollen Simone Bader und Jo Schmeiser wissen, wie die weiblichen Nachfahren der Täter mit ihrer Familiengeschichte umgehen - wobei sie mit "Täter“ nicht nur männliche meinen, sondern auch weibliche, deren vermeintliche Opferrolle allzu lange unhinterfragt blieb.

Auf konzeptueller Ebene wird die Geschichte der heimischen (Nicht-)Aufarbeitungspolitik in einen Dialog mit dem öffentlichen Raum gebracht. So stehen die Orte, an denen die Hinterbliebenen interviewt werden mit ihrer Architektur jeweils für eine Dekade. Es besticht jedoch nicht so sehr die Intention des Films, sondern das, was sich in den Interviews mit ihren emotionalen Momenten ereignet: Etwa wie sich eine Befragte an ihr "Entsetzen“ erinnert, als sie durch Zufall von den Gräueltaten ihrer "stets fleißigen“ Mutter, einer ehemaligen SS-Aufseherin, erfuhr. Beeindruckend ist auch das Gespräch mit der Großnichte Heinrich Himmlers, die mittlerweile zwar gelernt hat, mit der Belastung ihres Namens zu leben, sich aber bis heute fragt, was ihr Verwandtschaftsverhältnis zum "personifizierten Bösen“ mit ihr selbst zu tun hat. Solche und andere nachdenklichen Aussagen werden durch die Nahaufnahmen der unaufdringlichen Handkamera intensiviert.

Einfühlsam arbeitet sich die ambitionierte Dokumentation an ihren Gegenstand heran: Durch kontinuierliche Vor- und Rückgriffe entsteht ein assoziativer Stimmenreigen einer Generation, die sich nicht als "schuldig geboren“ sieht, die die Schuld ihrer Väter aber in einer unauflöslichen Gefühlsambivalenz zurücklässt.

Ab Fr im Stadtkino - SYNEMA-Gespräch: Kamerafrau Sophie Maintigneux und Michael Loebenstein: Stadtkino, Sa 19.30 nach dem Film


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

×

Anzeige

Anzeige