Enthusiasmuskolumne  

Die Nymphe und die Monsterechse

Diesmal: Die beste Elfenbeinskulptur der Welt der Woche

Feuilleton | Nicole Scheyerer | aus FALTER 09/11 vom 02.03.2011

Es ist eine Freude, wie sich hier alles kringelt, windet und schlängelt. Spiralförmig dreht der Drache den Kopf, um die gereichten Mohnkapseln zu fressen. Auch die fütternde Nymphe steht gefährlich gewunden da, muss sie doch auf das Maul des grausigen Viechs achten und gleichzeitig einen mit Stoff drapierten Stab fahnengleich hochhalten. Ihr Mund steht in diesem Moment höchster Konzentration offen. Die Emotion verwundert nicht, wickelt der Drache seinen dünnen Warzenschwanz doch fast unanständig nah an der Scham um ihren Oberschenkel.

Die virtuose Elfenbeinstatue "Hesperide, den Drachen Ladon fütternd“ schlummert für gewöhnlich im Kunstkammer-Depot des Kunsthistorischen Museums, das sie für die aktuelle Ausstellung "Schaurig schön“ verlassen durfte. Der Name des barocken Elfenbeinschnitzers ist ebenso unbekannt wie dessen Herkunft. Nachdem sein Stil aber an mehreren Skulpturen identifiziert worden ist, verlieh man ihm den Titel "Furienmeister“. Kunsthistorische Notnamen haben einen besonderen Reiz: Jedes Objekt, dessen anonymer Schöpfer nur nach einem Ort oder einem Hauptwerk benannt ist, umgibt ein Geheimnis.

Das Kunsthistorische besitzt auch die namensgebende, für Elfenbeinkunst des frühen 17. Jahrhunderts ungewöhnlich expressive "Furie“: Die hässliche Rachegöttin wird kreischend mit fliegendem Cape dargestellt, sodass sie auch gut das Cover eines Heavy-Metal-Albums schmücken könnte. Mit der Hesperide teilt sie die androgyne Nacktheit und die feinnudeligen Haarsträhnen. Der wirkliche Star bleibt aber der Drache. Seine pockige Krokohaut bildet das Gegenteil zur glatten, glänzenden Oberfläche der Frauenfigur. Der Künstler stellt die Monsterechse brav wie einen Hund dar, der seine knorrigen Klauen entspannt auf dem Unterholz ruhen lässt. Angesichts der aufgezwirbelten Dynamik scheint es aber auch möglich, dass er einer gespannten Feder gleich herumfahren und seine Krallen in den Nymphenbody schlagen könnte.


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