Vor 20 Jahren im Falter   Wie wir wurden, was wir waren

Der Torriecher

Falter & Meinung | aus FALTER 10/11 vom 09.03.2011

Ja, es war Frauentag, auch vor 20 Jahren schon. Damals feierten wir ihn mit einem Porträt der soeben zurückgetretenen Umweltministerin Marilies Flemming (ÖVP) und mit einer großen Reportage von Hanna Krause über sexuellen Missbrauch von Kindern innerhalb der Familie.

Die kommunistische Volksstimme stellte nach 46 Jahren ihr tägliches Erscheinen ein. Der Sänger Ostbahn-Kurti wurde porträtiert, nicht ohne die bange Frage, ob seine Authentizität sich auch in vollen Hallen erhalten würde lassen. In Rumänien waren die österreichischen Nationalratsabgeordneten Ettmayer und Elmecker bei ihrer legendären "Fact-Finding-Mission“ ertappt worden. Antonio Fian verhöhnte sie gebührend in einem Dramolett. Und ein rätselhafter Text feierte den Beginn der Fußball-Frühjahrssaison. Er war ungezeichnet und gab sich als innerer Monolog Hans Krankls aus.

"Außer den Sprüchen des Trainers ist das Wichtigste am Fußball der Torriecher des Spielers. Immer wieder werde ich von Reportern gefragt, Herr Hansl, Sie als Weltklassestürmer, können Sie uns sagen, ob es den sagenumwobenen Torriecher gibt, und hat er wirklich mit der Nase zu tun? Und immer wieder antworte ich, hier bin ich unerbittlich: ja. Der Torriecher muss einem Weltklassestürmer wie Gerd Müller angeboren sein. Gerd Müller, da können die Leute sagen, was sie wollen, war noch besser als ich, ein Herrgott. Obwohl ich besser schießen, besser laufen, besser springen und auch sonst alles besser konnte. Nur die Tore roch Müller besser als ich. Dabei hat er die kleinere Nase, sagt meine Frau immer. Doch Toreriechen hat ja in Wirklichkeit nichts mit der Nase zu tun! Es bedeutet nur blitzschnelles Entscheiden. Nicht laufen wie ein Blitz, sondern im Hirn diesen Blitz haben, den wir im Dialekt der Straße treffend als Torriecher bezeichnen. Und bei allen Weltklassestürmern können Sie auch außerhalb des Strafraums beobachten, dass sie sehr entscheidungsfreudige Menschen sind.“ aT


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