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 Bücher entstaubt

Politik | aus FALTER 10/11 vom 09.03.2011

Von Skandalierern und Opfern

Karl-Heinz Grasser fühlt sich verfolgt. Eine Hetzmeute an Journalisten habe ihn im Visier, verletze sein Recht auf Unschuldsvermutung, auf ein faires Verfahren und seinen guten Ruf. Er habe de facto kaum noch eine Chance auf faire Berichterstattung.

Hat Grasser Recht? Wohl nicht, er wird nur an seinen eigenen Ansprüchen gemessen. Doch Grassers Anklage ist ernst zu nehmen. Tatsächlich gibt es, wie die Fälle Guttenberg, Kachelmann, Kohl und andere Skandale (Schweinegrippe, BSE) zeigen, "Mechanismen der Skandalierung“, wie der deutsche Kommunikationsforscher Hans Mathias Kepplinger es nennt.

Wie diese Mechanismen funktionieren, wie sich Medien mitunter von Skandalierern einspannen lassen, wird in seinem spannend geschriebenen Werk eingehend belegt. Penibel seziert Kepplinger einige deutsche Affären, er erzählt, wie Skandalgeschichten zunächst gehypt werden und wie sie schließlich still und leise enden. Kepplinger erzählt auch, wie etwa bei Umweltskandalen in Wahrheit Öko-Lobbyisten eine einseitige Berichterstattung befeuern.

Leider schießt Kepplinger bei seiner Kritik mitunter übers Ziel hinaus, er verkennt, dass der von Medien "inszenierte“ Skandal auch eine präventive Wirkung für eine Gesellschaft hat. Doch lehrreich ist sein Buch allemal. Es ruft der empörten Öffentlichkeit in Erinnerung, dass hinter Skandalen oft genug auch reale Medienopfer stehen. Florian Klenk

Hans Mathias Kepplinger: Die Mechanismen der Skandalierung. Olzog, 2005. 176 S., € 12,40


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