Enthusiasmuskolumne 

Ein Vollbad in heißer Schokolade

 Diesmal: Der beste Schmelz der Welt der Woche

Feuilleton | aus FALTER 10/11 vom 09.03.2011

Die Nachricht, dass Phil Collins in Pension gehen will ("ich bezweifle, dass mich irgendjemand vermissen wird“), hat dieser Tage Horden sogenannter Musikliebhaber, die was auf sich halten und voll gegen Kommerz eingestellt sind, zum Jubeln verleitet. Sollen die ruhig weiter ihre Dylan- und Young-Bootleg-Sammlungen pflegen. Wir aber möchten an dieser Stelle an einen bereits im Ruhestand befindlichen Kollegen von Herrn Collins erinnern, den kein Mensch mit Häme, allerdings auch nicht mit Großessays bedenkt - an den bescheidenen Giganten Errol Brown und dessen Band Hot Chocolate.

Hot Chocolate waren nie eine besonders angesehene oder angesagte Band. Sie hatten Seele satt. Aber um als Soulband zu reüssieren, klangen sie in den 1970ern und noch mehr in den 1980ern zu zeitgeistig, ließen sie sich den Sound doch - nach einem Erstversuch auf dem Beatles-Label Apple mit einer bizarren Reggae-Version von "Give Peace a Chance“ - bereitwillig vom Pop-Populisten Mickie Most frisieren.

Sie waren funky wie nur was, freilich immer zu poppig, um als Funkmeister durchzugehen. Und dass sie vor mehr als 40 Jahren eine der ersten britischen Bands waren, in der schwarze und weiße Musiker gemeinsam spielten, haben sie auch nie an die große Glocke gehängt und stattdessen der Welt einfach einige der beglückendsten Melodeien von überhaupt geschenkt: "Emma“, "Every 1’s a Winner“, "No Doubt About It“, "Tears on the Telephone“, "Put Your Love in Me“, "Don’t Stop It Now“, "It Started With a Kiss“ und viele mehr. Spätestens wenn Errol Brown zum finalen Falsettschrei ansetzte, gab es kein Halten mehr. Herrlicher Schmelz, in dem man immer noch baden kann wie in heißer Schokolade.

Aktuell touren Hot Chocolate mit neuem Sänger. Traurige Sache. Dafür ist ihr Gesamtwerk gerade neu aufgelegt worden, alle acht Studioalben komprimiert auf vier Discs in einer mehr als preisgünstigen Box - Könige des Understatement bis zuletzt!

Sebastian Fasthuber


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