Fragen Sie Frau Andrea

Fernes Reisen auf dem Holzweg

Kolumnen | aus FALTER 10/11 vom 09.03.2011

Liebe Frau Andrea,

in Norddeutschland bin ich häufig über Holzwege in den Dünen oder am Watt gelatscht, ohne dass ich dabei wissentlich geirrt hätte. Können Sie mir erklären, warum ich andererseits auf dem Holzweg bin, wenn ich mich irre? Kurze Frage und Erwartung entsprechend langer Antwort, wie ich es von Ihnen kenne.

Ihr ergebener

Herbert Steiner aus Wien-Floridsdorf, per E-Mail

Lieber Herbert,

Sie befanden sich auf den beschriebenen Reisen durch die Dünen und wattnahen Heiden tatsächlich auf dem Holzweg. Entgegen Ihrer Annahme allerdings nur auf dem sprichwörtlichen. Die Plankenstraßen, auf denen man an Norddeutschlands Küste wandern kann, sind keine Holzwege, sondern Bohlenwege. Man findet diese Stege auch in Mooren, abseits der Küste. Und es sind oft recht alte Wege, die hier begangen werden. Nicht weniger als 300 vorgeschichtliche Bohlenwege sind aus der Weser-Ems-Region im nordwestlichen Niedersachsen bekannt. Der älteste, stellenweise sehr breite und kurvenreiche Steg existierte laut C14-Daten um 4800 vor unserer Zeit, tausend Jahre vor der ersten nachweisbaren Nutzung des Rades.

Die Holzwege, auf die sich das Sprichwort bezieht, führen, weit von der Küste entfernt, durch die Wälder unseres Kontinents. Es sind Forststraßen, angelegt, um das gefällte Holz mit Pferdefuhrwerken, heute mit Maschinen, zu den Holzplätzen und aus dem Wald zu bringen. Der Fachterminus für den Holzweg ist Rückeweg, vom Rücken, Verrücken der Holzstämme.

Die sprichwörtliche Verwendung des Begriffs ist alt, das Wort schon im Mittelalter nachgewiesen. Holzwege enden oft blind, mitten im Wald oder unvermittelt eben auf einem Holzplatz. Es sind Wege, die ins Nirgendwo, in die sprichwörtliche Irre führen. In seiner Sprichwörtersammlung und in seinen "Tischreden“ verwendete auch Luther die Redensart mehrfach. Wollten Sie das Gegenteil des Holzweges benützen, könnten Sie in einem ostpreußischen Sprichwort fündig werden: "Jener geit den Holtweg, de andre den Soltweg“ (jener geht den Holzweg, der andere den Salzweg). Hier wird der in die Irre führende Holzweg der sicheren und befestigten Salzstraße gegenübergestellt. Gute Reise! F


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