Theater

Der Zögling Ralf — Mezzanin spielt Krieg

 Kritik

Lexikon | aus FALTER 10/11 vom 09.03.2011

"Ralf“ ist ein dichter Schicksalsbericht

... der vom Unglaublichen erzählt

In der Nacht des 30. Jänner 1945 wurde die "Wilhelm Gustloff“, ein Kreuzfahrtschiff, das deutsche Flüchtlinge über die Ostsee bringen sollte, von russischen Torpedos versenkt. Mehr als 9000 Menschen, ein Drittel davon Kinder, starben in den eisigen Fluten. Günter Grass hat dieser Tragödie 2002 eine Novelle gewidmet.

Den 1933 geborenen Ralf Westphal machte sie einst zum Vollweisen. Er verlor in dieser Nacht Mutter und Geschwister, nachdem sein Vater bereits im Frankreichfeldzug den Heldentod für Führer, Volk und Vaterland gestorben war. Ralfs Glück war die Unterbringung in einer militärischen Erziehungsanstalt in Graz-Liebenau, der heutigen HIB. Wobei "Glück“ kein glückliches Wort ist, für Drill und Erniedrigung, die er dort erfuhr. In einem faszinierend montierten Theaterstück für Jugendliche erzählt Tochter Hanni Westphal nun Vater Ralfs Geschichte (Regie Martina Kolbinger-Reiner), geerdet in der Gegenwart durch einen Enkel Ralf, der hier und heute lieber Computerkriegsspiele spielt, als Geschichte zu lernen. Christine Scherzer beeindruckt unbeschwert als Ralf und Ralf, Matthias Ohner gibt als DJ auf der Bühne den Ton an und außerdem zahlreiche Nebenrollen.

Für das Mezzanin-Theater-Projekt "Ralf“ hat Hanni Westphal ihren Vater erzählen lassen. So entsteht ein dichter Schicksalsbericht, "Ralf“ ist keine Nazi-, sondern eine Kriegsgeschichte, die glaubhaft vom Unglaublichen erzählt. Die konsequente Einseitigkeit der Erzählperspektive wird nur einmal zum Problem: wenn ein wodkaseliger Russe die Gustloff zum Abschuss freigibt. Und, ach ja: Der Link zum Kriegspielen am PC ist theatralisch sehr gelungen, inhaltlich dürfte dabei aber jemandem - Achtung, Jugendtheater! - der moralische Zeigefinger ausgekommen sein.

HERMANN GÖTZ

Orpheum, Graz, Fr 18.00


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