Theater

Ein Fall von Besessenheit auf der Probebühne

Tipp

Lexikon | aus FALTER 10/11 vom 09.03.2011

"Werther“ wird nicht krampfhaft modernisiert

Der Inhalt des "Werther“ ist bekannt: Der junge Mann erzählt in Briefen an seinen Freund, wie er die bereits verlobte Lotte kennenlernt und sich in sie verliebt. Die Ferne zu Lotte treibt ihn in den Suizid.

Der Regisseur Bastian Kraft belässt in seiner Bearbeitung die Handlung im 18. Jahrhundert und lässt Werther (Leon Ulrich) sein Schicksal selbst erzählen. Doch gerade weil Kraft nicht nach einer krampfhaften Aktualisierung des Stoffes sucht, werden große Sturm- und-Drang-Gefühle wach, etwa wenn Werther im Liebeswahn auf der Bühne mit Möbeln wirft. Der vermeintliche Spiegel, hinter dem sich die für Werther unerreichbare Lotte (Evi Kerstephan) verbirgt, steht nicht nur im Zentrum der Bühne, sondern auch der Inszenierung. Durch einen Spiegeleffekt kann Werther Lotte hinter der Glaswand immer wieder verschwinden und so auch ihm wichtige Szenen immer wieder wiederholen lassen. Dies erzeugt eine wirkungsvolle Distanz zwischen den beiden, die Werther zu überwinden versucht, doch erst als gegen Ende die Katastrophe ausbricht, tritt Lotte vor das Publikum und Werther ist nun hinter der Glaswand gefangen, wo er auch seinen Abschiedsbrief hinterlässt.

Vor allem gegen Ende hin stürmt und drängt Leon Ulrich gar zu sehr über die Bühne und wirft mit Emotionen um sich, Evi Kehrstephan hingegen fasziniert als unnahbare Lotte. In Summe ein entspannter Umgang mit diesem Klassiker, ohne zwanghafte Modernisierung. Das nachdenkliche Schweigen nach dem Todesschuss Werthers im Publikum zeigt, dass das sehenswerte Stück nicht nur Pflichtlektürestoff näherbringt.

MARIE GAMILLSCHEG

Schauspielhaus, Graz, Probebühne, Di 20.00


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