Kritiken

Wir machen dich fertig, Anton Pawlowitsch!

Lexikon | Martin Lhotzky | aus FALTER 11/11 vom 16.03.2011

Immer noch werden die doch eher schwermütigen Dramen von Tschechow im Theater gerne genommen, um da etwas Neues zu entdecken oder Parallelen zu finden, die uns auch nach über 100 Jahren vertraut vorkommen. Torsten Fischer zeigt dazu im Theater in der Josefstadt eine Gesellschaft in Auflösung - no na -, nimmt dafür aber das Bild von einem Abzug sowjetischer Truppen. Postsowjetische Tristesse vermittelt auch die fast nackte Bühne. Nach Moskau gelangen die "Drei Schwestern“ Olga (Sona MacDonald), Mascha (Sandra Cervik) und Irina (Silvia Meisterle) nach dem großen Feuer, der Lähmung des Bruders Andrej (als bornierter Softie: Michael Dangl) durch seine resolute Frau Natascha (richtig bösartig: Anna Franziska Srna) und dem sinnlosen Tod eines Liebsten im Duell aber freilich auch hier nicht. Da mag der Hubschrauber noch so laut schrapp-schrappen, sie bleiben in der Provinz verhaftet. Zum Glück ist Fischers Interpretation nicht ganz so provinziell, aber doch, trotz Kürzung auf knapp zwei Stunden, etwas behäbig.

In der Garage X wird es auch laut, sehr laut sogar, und man versucht sich an (optischen wie akustischen) Stroboskopeffekten, während im Hintergrund ein schwarz-weißes Video offenbar die Proben zu einer Persiflage auf "Kirschgarten“, hier eben: "Kirschgarden“, im Rest der Spielstätte ausleuchtet. Das ist unterhaltsamer, als es klingen mag. Etwa zur Halbzeit wird auch die Handlung des Tschechow-Stückes nacherzählt, und ein Mann steht malerisch als Schrank herum. Nur was dieser (wörtlich) "Scheiß Robert Mitchum“ inklusive Love-Hate-Tattoo auf den Fingern (wie in "Die Nacht des Jägers“) hier verloren hat, bleibt wohl das Geheimnis von Gerhard Fresacher, der diesen sehr körperbetonten Abend auf die Beine gestellt hat.

Theater in der Josefstadt, Di 19.30; Garage X, Mi, Do 20.00


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