Ohren auf  

Denkerpop, der auch gerne in die Disco geht

Sammelkritik

Lexikon | Gerhard Stöger | aus FALTER 11/11 vom 16.03.2011

Dilettantismus war noch nie die schlechteste Voraussetzung für interessanten Pop. Man denke nur an die Einstürzenden Neubauten, die mit ihrem Schrottplatzsound als eine der wenigen deutschen Bands der Punkära Weltkarriere machten. Wie die Neubauten fand auch die Münchener Band Freiwillige Selbstkontrolle (kurz: F.S.K.) im Ausland Beachtung, der legendäre britische Radio-DJ John Peel lud sie etwa regelmäßig zu Sessions in seine Sendung ein.

Auch F.S.K. sind keine gelernten Musiker. Die Art-School-Truppe um den Autor und Journalisten Thomas Meinecke und die Künstlerin Michaela Melián entstand 1980 als musikalischer Flügel der Boheme-Zeitschrift Mode & Verzweiflung, wie der Titel zur Werkschau über die ersten drei Schaffensdekaden auch festhält. Versehen mit einem tiefschürfenden Text des Salzburger Poptheoretikers Didi Neidhart durchmisst die formschön als 3-CD-Box aufgemachte Kompilation "Freiwillige Selbstkontrolle ist ein Mode & Verzweiflung Produkt“ (Disko B) in 53 Songs die gesamte Diskografie der Band, die bereits zehn Jahre vor dem großen Diskurspopboom mit dem Theoriebuch unterm Arm in die Disco ging und das Fähnchen der Reflexion auch in Zeiten des seichten Deutschpopeinerleis noch hochhält.

F.S.K. haben sich nie über einen spezifischen Sound, sondern über eine Methode definiert. Sie sind bis heute im gleichen Ausmaß Fans, die zitieren, wie fröhliche Wissenschaftler, die stets neue Bezüge herstellen. F.S.K. Von Nietengürtelpunks wurden sie dafür einst als "Hirnwichser“ verschmäht - zu Unrecht, haben sie doch einige der interessantesten Beiträge zum (Post-)Punk deutscher Zunge geliefert.

Die nachfolgende künstlerische Reise führte von New Wave zur Polka, vom transatlantischen Jodelecho zum instrumentalen Surfkrautrock, dann weiter zum handgestrickten Denkertechno und wieder zurück zu Songs, die mit anderen technischen Mitteln und verbessertem Handwerk die New-Wave-Ära zitieren. Was im Endeffekt übrigens ungleich sinnlicher klingt, als es sich liest.


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