Selbstversuch

Hassen Sie mich ruhig, das ist okay

Kolumnen | Doris Knecht 2 | aus FALTER 11/11 vom 16.03.2011

Facebook ist immer dann am unerträglichsten, wenn etwas wirklich Großes, Schlimmes passiert. Derzeit rollt eine riesige Welle der Solidarität durch das soziale Netzwerk und schwappt ein zweites Mal über Japan, diesmal als Tsunami der Güte. Deshalb sieht man im Fernsehen auch all die ergriffenen Japaner vor Freude in die Luft springen und den Facebook-Usern ein ergriffenes DANKE zuhauchen, danke Hansi Mrzcwicka, danke Biene Kofler, dass ihr so super solidarisch seid mit uns und auf euren Computern mit aller Kraft ein "Gefällt mir“ bei "Solidarität für Japan“ antippt. Der Hansi und die Biene, der Mike und die Susi und all die Abertausenden, die sich jetzt die guten alten Anti-Atomkraft-Pickerln aufs FB-Profil kleben, waren auch immer schon entschiedene, unbeugsame Vollblut-Atomkraftgegner. Die haben es immer schon gesagt! Natürlich haben die vorletzte Woche auch alle - deswegen war es ja so erfolgreich - das Euratom-Volksbegehren unterschrieben und beziehen längst den teureren Ökostrom, Ehrensache.

Bitte, ich habe letzte Woche schon gesagt, dass ich eine Spielverderberin bin. Aber das geht mir wirklich mächtig auf den Keks, und wenn ich nicht etwas zu verkaufen hätte und nicht so ungern telefonieren täte (was man muss, wenn man sich was ausmachen will, aber nicht muss, wenn man auf FB eh erfährt, wann die Haberer wohin zu gehen trachten), juckte mich das Aussteigen jetzt wieder sehr. Allerdings leide ich auch an einem in meinem Beruf eher hinderlichen Defekt, ich bin nämlich nicht besonders neugierig. Also nicht neugierig genug, dass ich jemand extra etwas fragen würde, wenn ich nicht unbedingt muss. Mir ist es lieber, die Leute erzählen mir von selber etwas Wichtiges oder Interessantes, am liebsten schriftlich, oder sie tun etwas, was für mich von Interesse ist, oder ich höre oder lese etwas, was ich bedenkenswert finde. Deswegen brauche ich Facebook, das ist genau mein Medium.

Ich bin auf den Stoff aus Facebook angewiesen. Und jetzt noch viel mehr, und zwar deshalb, weil ich ab sofort nicht mehr über die Mimis schreiben werde. Atmen Sie auf oder sagen Sie baba zu den Mimis, aber die Leute, die kritisieren, ich verletzte damit die Privatsphäre meiner Kinder, haben eigentlich Recht. Ich will auch nicht mehr, dass die Mimis im Internet von Leuten beschimpft werden, die eigentlich ihre Mutter hassen. Hasst mich, das ist in Ordnung, das gehört zum Job, dafür werde ich bezahlt. Vielleicht werde ich meine Meinung über das Mimi-Moratorium ändern, wenn sie mir in ein paar Jahren das Leben zur Hölle machen und sich für alle meine hier verbrochenen Missetaten in einer Weise revanchieren, die ihnen und der Leserschaft Anlass zur Genugtuung gibt, man wird sehen. Aber vorläufig. Vorläufig picke ich auf diese Kolumne einfach einen Anti-Atomkraft-Kleber, weil die war auch immer schon dagegen, ehrlich.

Doris Knechts erster Roman, "Gruber geht“, ist soeben bei Rowohlt Berlin erschienen (siehe auch S. 32.); www.dorisknecht.com


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