Kritik

Zwischen Sintflut und mediterraner Idylle

Lexikon | aus FALTER 12/11 vom 23.03.2011

Sich über die verheerende Kraft des Meeres zu gruseln, hat in diesen Tagen einen nur allzu realen Hintergrund. Die Hilflosigkeit vor der Übermacht der Elemente hat in den Seestücken des russischen Künstlers Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski (1817-1900) keine geringe Bedeutung. In der verdienstvollen Schau "Aiwasowski - Maler des Meeres“ sorgen aber auch geradezu paradiesische Ansichten mediterraner Buchten für Fernweh. Die meisten Werke haben Russland noch nie verlassen, und das ukrainische Aiwasowski-Museum, das der Künstler in seiner Heimat Feodossija noch selbst eingerichtet hat, verborgt seine Werke gar erstmals.

Zu den fesselndsten Qualitäten von Aiwasowskis Malerei zählt das Durchlicht, die Transparenzeffekte in den Wellen, die in den Sturmbildern mit den Wolken verschwimmen. Ihn deswegen gleich einen "russischen Turner“ zu nennen, scheint angesichts der traditionalistischen Malweise zu weit hergeholt. Aber wer die angelernten Dünkel gegenüber Salonmalerei aufgibt, wird in den Kompositionen viele großartige Momente entdecken. Wie der zaristische Marinemaler die feindlichen türkischen Kriegsschiffe und den Himmel brennen lässt, in welche Regenbogenfarben er am Floß hängende Schiffsbrüchige taucht oder wie heftig er die Sintflut inszeniert, das haben ihm so wenige nachgemacht. Im billboardgroßen Gemälde "Die Woge“ erscheint das Chaos als erhabene, Schiff und Mensch zermalmende Kraft. Zum romantischen Schwelgen bleibt die "goldene Stunde“ zwischen Tag und Nacht oder das Mondlicht des begnadeten Sturmmalers, der der Idylle gar nicht abgeneigt war. Zusätzliches Plus: Für Kinder liegt ein eigener Audio-Guide bereit. NS

Kunstforum Bank Austria, bis 10.7.


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