Musiktheater 

Mit Lippenstift in den Himmel

Kritik

Steiermark | Herbert Schranz | aus FALTER 12/11 vom 23.03.2011

Mit der Oper "Faust“ von Charles Gounod inszenierte die junge Pariserin Mariame Clément an der Oper Graz ihr zweites Musiktheater in Österreich. Rameaus "Castor et Pollux“ am Theater an der Wien ging heuer schon voraus.

Der deutsche Alternativtitel "Margarete“ erscheint für Gounods "drame lyrique“ (Neufassung 1869) in Abgrenzung zu Goethes "Faust“ passender. Die intellektuelle Zerknirschung des Goethe’schen Faust ist bei Gounod nur ein kurzes Vorspiel zur archetypischen Liebesgeschichte mit Marguerite. Marguerite ist die eigentliche Hauptfigur und gewinnbringend mit Violetta aus "La Traviata“ zu vergleichen, welche in Graz im Jänner Premiere hatte. Auch Mariame Clément rückt Marguerite ins Zentrum, und Gal James verkörpert sie überragend als würdevollen Angelpunkt des Geschehens. Die Inszenierung im sparsamen dunklen Bühnenbild von Johannes Leiacker beginnt erst im dritten Akt ihre aufgeladene Bedeutung zu enthüllen, im Umfeld von Marguerites intimem Hausaltar als Schlüssel zu den beiden Akten zuvor und danach. In ihm sind die Träume der jungen Frau versammelt. Diese werden in einer Welt voller seriengefertigter Ideale vom zwanghaften Draufgänger Faust (Jean-François Borras) gründlichst enttäuscht. Méphistophélès (Wilfried Zelinka), gleichsam das gewaltsame Alter Ego Fausts, hat den alternden Nihilisten dazu mit jugendlicher Fitness ausstaffiert. Wilfried Zelinka spielt Méphistophélès mehr lässig denn als starkes düsteres Machtzentrum, ausgenommen im Priestergewand, in dem er Marguerite verstößt.

Hinter den guten sängerischen Leistungen bleiben die (Holz-)Bläser der Grazer Philharmoniker unter Tecwyn Evans in gleichsam instrumentalen Theaterparts um keinen Deut zurück. Marguerite überwindet bei Clément Faust und Méphistophélès und schminkt sich keck für den Himmel die Lippen.

Oper Graz, So 18.00


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