Kunst Kritik

Die Lücken im Gedächtnis der Regime

Ulrich Tragatschnig | Steiermark | aus FALTER 12/11 vom 23.03.2011

Das kollektive Gedächtnis in den Blick zu nehmen gehört sicherlich zu den schwierigsten Unterfangen, auf die sich die bildende Kunst überhaupt einlassen kann. Schließlich verhandelt man damit gleich mehrere Ebenen an historischen und nebenbei auch politisch motivierten Bedeutungsschichten gleichzeitig. Was das eine Bild dabei zeigt, bleibt gleich von Anfang an hinterfangen von dem, was es nicht zeigt oder nicht mehr zeigt. Martin Krenns Beschäftigung mit dem, was von totalitären Regimen - in Deutschland oder Rumänien - übrig ist, und welcher Umgang mit den ungewollten Hinterlassenschaften gepflegt wird, besticht jedenfalls durch den unbestechlichen Blick, der hier dokumentiert. Und hat in beiden Fällen einen Ablauf mehrerer Ideologien - von Faschismus über Kommunismus bis Postkommunismus - zu verdauen, was die Sache auch nicht weniger komplex werden lässt. Im Mittelpunkt der Ausstellung "Memory in (Post-)Totalitarism“ in der famosen Galerie Zimmermann Kratochwill stehen Schwarz-Weiß-Fotografien und eine 3-Kanal-Ton-Diainstallation, die unterschiedliche Geschichtsbilder und Erinnerungskulturen miteinander konfrontieren. Dabei führt Krenn an Rückzugsorte des Erinnerns: nach Buchenwald etwa, wo ein zu DDR-Zeiten im Stile kommunistischer Siegespropaganda errichtetes Mahnmal inzwischen als touristisches Fotomotiv vereinnahmt ist. Zum ehemaligen Gauforum in Weimar, das heute ein Einkaufszentrum ist. Oder zum rein ästhetisch ausgerichteten Holocaust Memorial in Bukarest, wo die Regierung noch 2003 behauptet hat, es habe in Rumänien nie einen Holocaust gegeben. Krenn verdeutlicht, dass jedes Arbeiten an der Geschichte unabschließbar ist: eine Pflicht, die sich besser nicht "Aufarbeitung“ nennen soll.

Galerie Zimmermann Kratochwill, bis 9. 4.


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