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Bücher, kurz besprochen

Politik | Robert Misik | aus FALTER 12/11 vom 23.03.2011

Manifest des Behauptungswillens

Ein einzelner Mann, Thilo Sarrazin, hat mit einem Buch die vergiftetste Debatte angestoßen, die Deutschland wohl nach 1945 geführt hat - und deutsche Zuwanderer, Muslime und auch nicht, antworten nun in einem "Manifest der Vielen“. Die literarische Form, die Herausgeberin Hilal Sezgin gewählt hat, ist damit selbst schon programmatisch, zeigt sie doch die Vielstimmigkeit derer, die in den groben Debatten in die "Muslim“- oder "Ausländer“-Laden geräumt werden. Sezgin, Zeit-Autorin und taz-Kolumnistin, formuliert das in ihrem Beitrag so: "Überhaupt würde ich die These wagen: Muslime sind beinahe normale Menschen. Stärkere These: Individuen sogar! … Leider muss ich sagen, dass ich in letzter Zeit einen Gutteil meines Geldes damit verdiene, diese Behauptung bis zur Absurditätsgrenze zu wiederholen.“

Das schmale Buch zeigt auch, welche Wunden die Sarrazins und Co täglich schlagen. "Wir verfallen nicht selten in den Glauben, nicht liebenswert und wertvoll zu sein - ein K.o.-Kriterium für ein gesundes Selbstbewusstsein“, formuliert etwa der Blogger Ekrem Senol. Wer nicht bar jedes Einfühlungsvermögens ist, kann sich ausmalen, was das mit einem macht, wenn man das von Kindheit an spürt.

Vielleicht ist da der gutgemeinte Reflex vieler Türkinnen und Türken, immerzu zu erklären, "wir Muslime sind ja gar nicht so“, schon eine Sackgasse. Sezgin: "Nach klassischem Verständnis heißt Religionsfreiheit, dass erstens jeder das Recht hat, seinen jeweiligen Glauben zu praktizieren. Zweitens, dass er das Recht hat, an die Inhalte gar keiner Religion zu glauben. Vielleicht ist es an der Zeit, ein drittes Recht zu verteidigen: das, über die eigene Religion zu schweigen. Nicht ständig als Mitglied einer bestimmten Religion adressiert zu werden.“ Ein notwendiges Buch, nein: ein Dokument des Behauptungswillens.

Hilal Sezgin: Manifest der Vielen. Deutschland erfindet sich neu. Blumenbar-Verlag, 229 S., € 13,30


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