Selbstversuch

Der Schweinkram ist mir überhaupt nicht peinlich

Kolumnen | Doris Knecht  | aus FALTER 12/11 vom 23.03.2011

Also es ist so. Ich habe ja diesen Roman geschrieben, "Gruber geht“, der ist jetzt erschienen, wurde besprochen und alles. Gut. Und es gab dieses Interview letzte Woche hier im Falter. Auch gut, bis auf eine Kleinigkeit, die mir aber wichtig ist. Weil der Titel von dem Interview lautete: "Der Schweinkram ist mir peinlich“, und das nun habe ich nie gesagt. Denn: Der Schweinkram ist mir nicht peinlich oder, wie der ungschamige Herr Rottenberg, der den "Gruber“ gelesen hat, dankenswerterweise fragte: Welcher Schweinkram? Ja, es kommt Sex vor in dem Buch, weil es geht da um lebensfrohe Leute Mitte, Ende 30, und soviel ich weiß, hat man in dem Alter nebst anderem auch Sex. Natürlich könnte man sich, wie das Karl-Markus Gauß empfiehlt, über das Thema auch drüberpunkteln, finde ich aber feig. Egal. Es kommt also Sex vor in "Gruber geht“. Man kann auch "Schweinkram“ dazu sagen, jeder, wie er will.

Jedenfalls. Der freundliche Falter-Fasthuber fragte in dem Gespräch, ob denn die Kinder auch zur Präsentation kämen. Ich sagte: nein; fragte er: "Den Schweinkram müssen Sie bei der Lesung also nicht weglassen?“ Ich sagte: "Den lese ich sowieso nicht vor, das ist mir peinlich.“ DAS ist mir peinlich: das Vorlesen von Sexszenen, ich bin schüchtern, nicht alles, was ich allein daheim in ein Buch hineinschreibe, lese ich auf einer Bühne vor Zuhörern auch gerne vor. Allerdings stand im Falter dann nicht, DAS sei mir peinlich, sondern: "... der ist mir peinlich.“ Also quasi, wie es dann im Titel stand, der Schweinkram als solcher.

Und das ist nun, wie schon oben ausgeführt, einfach nicht der Fall. Ich weiß auch, wie so etwas zustande kommt, ich bin ja schon lange im Geschäft. Da stehen keine bösen Absichten dahinter, man sucht nach einem Titel, der nicht mehr als 35 Zeichen hat und den Leser in die Geschichte hineinzieht, das ist nicht einfach und, meine ich, mit diesem Titel sehr gut gelungen. Es mussten nur zwei Buchstaben verändert werden, das macht normal keinen Unterschied. Ich verstehe das, ist okay. Und dachte dennoch eine Sekunde darüber nach, ob der kleine Fehler nicht vielleicht deshalb entstand, weil der Falter, das Zentralorgan der verdrückten Katholiken, der Meinung ist, das sollte mir peinlich sein, und mir armen Sünderin deshalb gütig beim Beichten helfen und mich in seiner großen Güte vor der Abzweigung Purgatorium bewahren wollte.

Meine Mutter findet das sicher gut. Gegen meine ausdrückliche Empfehlung las sie mein Buch, und als sie bei der Hälfte war, sagte sie: "Nein, diese Ausdrücke. Diese Ausdrucksweise hast du aber nicht von daheim mitbekommen.“ Und dass es halb so viel Sex auch getan hätte, und zwar mehr als nur. Sagen wir so: Es gäbe in der Literatur wesentlich weniger Schmutz und Schund, wenn die Schriftstellerinnen und Schriftsteller mehr auf ihre Mütter und Karl-Markus Gauß hören würden. Und auf den Falter.

Doris Knechts Roman "Gruber geht“ ist bei Rowohlt Berlin erschienen.


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