Kritik

Jetzt bitte kein Theater: Passbilder auf der Bühne

Lexikon | aus FALTER 13/11 vom 30.03.2011

Das Burgtheater als Passbildautomat: 18 Menschen stellen sich vor einen weißen Fotostudiohintergrund und zeigen sich ein paar Sekunden oder Minuten lang von ihrer besten Seite. Heraus kommt dabei ein merkwürdiger Theaterabend, der in der langen Geschichte dieser Bühne seinesgleichen sucht. Der belgische Regisseur Michael Laub hat sein bereits in verschiedenen Zusammenhängen angewandtes Porträt-Konzept nun auch im Burgtheater umgesetzt.

Soweit das überhaupt möglich ist, wird in diesen "Burgporträts“ kein Theater gemacht. Selten wirken Menschen so ausgesetzt wie hier, wo keine Kunst sich schützend zwischen sie und die Betrachter schiebt. Der Kantinenwirt, der launig von Unfällen (Motorrad, Premierenfeier) und Hobbys (Homepornos) erzählt, oder der Guide, der japanische Touristen durch das Burgtheater führt und dabei seine Frau kennen gelernt hat, kommen damit offensichtlich besser zurecht als die Profis. Maria Happel hat ein Video geschickt, Christiane von Poelnitz lässt SMS-Messages für sich sprechen, und Petra Morzé sagt weinend nur zwei Sätze: "Meine Gefühle zum Burgtheater sind ambivalent. Ich bin verloren im Burgtheater.“

Der Abend ist die Stunde der Kleindarsteller. Aus dieser Berufsgruppe wurde fast die Hälfte des Ensembles rekrutiert, wobei das Spektrum vom Wrestler aus Nigeria bis zur pensionierten Operettensoubrette reicht. Die (vorige Woche im Falter porträtierte) Claudia Durstberger spricht verblüffend offen über schwere psychische und physische Krankheiten, die sie überwunden hat. Und über den schlimmsten Auftritt ihrer Komparsenkarriere: In Martin Kušejs Inszenierung von "König Ottokars Glück und Ende“ gab sie eine nackte, blutüberströmte Leiche. Immerhin: "Das Theaterblut war angenehm warm und roch nach Walderdbeeren.“ WK

Burgtheater, Sa, Mi 20.00


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