Vernissage

Diefenbach: Freie Liebe mit Zarathustra

Lexikon | aus FALTER 13/11 vom 30.03.2011

Er war ein Künstler mit einer Mission: Der Maler Karl Wilhelm Diefenbach (1851-1913) war im Münchner Bohemeviertel Schwabing mit Kutte und wallendem Haar um 1880 eine Erscheinung. Der aus der Kirche ausgetretene Pazifist hielt Vorträge über Vegetarismus, gesunde Nacktheit und freie Liebe. Bald gründete der Lebensreformer auch seine erste Kommune. Die hüllenlosen Sonnenbäder der Kommunarden führten jedoch zu Deutschlands erstem Nudistenprozess. Diefenbach setzte sich nach Wien ab, wo sein wechselvolles Leben und seine Kunst nun in der Schau "Der Prophet. Die Welt des Karl Wilhelm Diefenbach“ aufgerollt werden.

Die Ausstellung eröffnet in der Hermesvilla, nur einen kurzen Spaziergang entfernt vom Himmelhof in Ober St. Veit, wo der gestrenge Meister eine Landkommune gründete. Jahre zuvor hatte eine Ausstellung von Diefenbach im Wiener Kunstverein 78.000 Besucher angezogen, die sich Erotisch-Skandalträchtiges von dem künstlerisch harmlosen Spätsymbolisten erhofften. Die Veruntreuung der Einkünfte durch die Ausstellungsmacher stürzte Diefenbach in ein finanzielles Desaster.

Seine Kommunen beherrschte der sendungsbewusste Künstler rigid, wenn er seine Mitglieder zu Aufzeichnungen über ihren Tagesablauf zwang. Von Journalisten wurde die Lebensgemeinschaft mit Schmähartikeln bedacht. Noch vor 1900 stellte der "Kohlrabi-Apostel“ seinen manifestartigen Fries "Per aspera ad astra“ fertig, von dem jetzt Teile zu sehen sind. 30 Gemälde, Fotos, Dokumente und Kunst von Diefenbachs Weggefährten runden die Schau ab. NS

Hermesvilla, Mi 18.30; bis 26.10.


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