Hundert Jahre Zeitausgleich

Befindlichkeitskolumne

Steiermark | aus FALTER 13/11 vom 30.03.2011

Verpasste Gelegenheiten, wichtige Momente

Der letzte Intellektuelle von Graz sitzt auf einer Parkbank und fragt sich, warum die alle so ausgerichtet sind, dass man nur auf die Gehwege starrt und nie auf die Wiesen. Er denkt sich, er hätte zu dieser Frage ein kulturwissenschaftliches Projekt einreichen sollen, irgendwo. Überhaupt ist es wurscht, weil die Parkbänke anscheinend eh hauptsächlich dazu da sind, verpassten Chancen nachzutrauern, deren es viele im Leben gibt. Als Erstes aus alten Autoreifen Taschen herstellen, eine Bühnenversion von Terminator schreiben, Kurt Cobain in Graz anschauen, bevor er berühmt wird. Allein an diesem Wochenende hat er die erste steirische Trachtenparty, die Messe für Oldtimer, Jagd und Fischerei und das Beethovenkonzert in Kapfenberg versäumt, wo 200 helle Kinderstimmen "Oh lieber Ludwig, ach schick mir bitte einen Brief“ sangen. Und vor allem: Kathi anrufen und mit ihr auf den Hauptbahnhof schauen. Der letzte Intellektuelle war selbstverständlich schon lange vorbereitet: Er hat in den letzten Jahren viel Zeit (speziell Samstagabend) damit verbracht, die richtige Musik für irgendwas auszuwählen, und auch und gerade für einen Bombenalarm hatte er, und nur er, die perfekte Playlist. Eine gediegene Mischung aus Dubstep und mittelschweren (lokalen) Gitarrensounds, durchsetzt von zarter deutscher Liebeslyrik. Eine bittersüße Angst hätte sich über die Sommernacht legen können. Und dann, den ganzen Samstag: verschlafen.

Dramatiker Johannes Schrettle ist zwar kaum in Graz, dennoch weiß er immer was von dort zu berichten


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