Theater Kritik

Tragische Jungfrau mit G.-Problem

Steiermark | Hermann Götz | aus FALTER 14/11 vom 06.04.2011

Komisch eigentlich, dass "Emilia Galotti“ so beliebt ist. Abgesehen davon, dass Gotthold Ephraim Lessings bürgerliches Trauerspiel in Zeiten des Absolutismus auf eine Gesellschaftsrevolution abgezielt hat, geht es in dem Stück (dem lateinischen Virginia-Mythus folgend) um, nun ja: die tragische Jungfrau an sich. Beides jedenfalls eher Probleme von gestern. Trotzdem (oder gerade deshalb) nimmt sich nun auch Regisseur Thomas Sobotka der Sache an. In den Arbeiten des stadtbekannten Stückezerstücklers taucht gerne einmal eine zweite, selbstreflexive Ebene auf, beim Projekt "Emilia G.“ wird sie zum roten Faden.

Im großzügigen Rahmen der Lend-Loft führt das (zuletzt mit dem BestOFF-Preis der Jury) ausgezeichnete Laienensemble vor, wie es sich dem Problem G. annähert. Wer dabei welche Rolle spielt und wie - das ist Verhandlungssache, ebenso die Frage, was dieser Text überhaupt sagen soll. Über die radikalen Striche turnt sich die Inszenierung mit pointierten Erläuterungen zur aristotelischen Dramentheorie hinweg, die eher unmögliche Interpretation der Hauptfigur wird durch einen Blick auf das Referenzsystem - Wer hat das wann wie gespielt? - ersetzt. Die Wunderwaffe in diesem Vexierspiel ist Markus Boxlers großartige Ausstattung, die den Zugriff der Regie zugleich elegant illustriert: Während sich das einheitliche Darstellerkostüm auf historisierende Unterwäsche reduziert, fungieren barocke Reifröcke als multiples Bühnenbild: mal ein französischer Garten, mal ein Cornelius-Kolig-Zitat. Als Soundtrack und Kontrapunkt des Abends dienen gefühlte 132 Coverversionen von Nirvanas "Smells like teen spirit“: A denial! Spätestens in dem Augenblick, in dem das assoziative Chaos dieses Songs lässig in die streng verstrickte Lessinghandlung einbricht, ist klar: Hier spielt ganz großes Kino.

LendLoft 6., 7., 9., 11., 13. u. 14. 4., 20.00


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