Kunst Kritik

Das Ding als Stichwort fabelhafter Legenden

Steiermark | Ulrich Tragatschnig | aus FALTER 14/11 vom 06.04.2011

Will man die Stadt, in der man lebt, mit neuen Augen sehen, vertraut man sich am besten der Führung eines Fremden an. Der findet die Kuriosa im Sammelsurium, das einen täglich umgibt, recht zuverlässig. Im Stadtmuseum Graz wurde daraus die vom Schweizer Kurator Beat Gugger nach einer Idee von Daniel Spoerri und in Zusammenarbeit mit Gerhard Schwarz entworfene Ausstellung "Grazgeflüster“. Sie versteht sich, nach Daniel Spoerri, als "Musée Sentimental de Graz“, als Zusammenstellung von Grazer Objekten, die sich erfrischenderweise allen museologisch-historiografisch verbürgten Methoden zur Absicherung pseudoobjektiver Berichterstattung entzieht. So kommen Geschichten ans Tageslicht, die anekdotisch geflüstert, nicht mit der Inbrunst des Gelehrten doziert sind. Man erfährt durchaus Nützliches zum Zusammenhang von Tarzan-Ruf und Erzherzog-Johann-Jodler, Wissenswertes darüber, warum der Südtirolerplatz im DKT wohl Murplatz heißt, Spannendes über das Schicksal des delikaten Waldrapps, dem eine Erinnungstafel gewidmet ist. Und Daniel Spoerri steuerte dazu drei Installationen bei, die sich dem todernsten Unding nationalsozialistischer Anthropologie ebenso stellen wie der einst brandheißen Virilität des Steirischen Panthers oder sich mit der Tatsache beschäftigen, dass im Stadtmuseum, also dem ehemaligen Palais Khuenburg, der Thronfolger Franz Ferdinand das Licht der damals zum Wohle seiner schwächlichen Mutter mit Stroh gedeckten Sackstraße erblickte. Statt in Stein gemeißelt auf den Friedhöfen nutzlosen Wissens zu enden, wollen die hier erzählten Geschichten aus der zufällig scheinenden Ansammlung der Gegenstände erst herausgelesen werden, leise einsickern in das, was man ein kollektives Gedächtnis nennen kann.

Stadtmuseum Graz, bis 15.2.2012


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