Kritik

Eine skandalöse Affäre: Was heißt hier Liebe?

Lexikon | aus FALTER 15/11 vom 13.04.2011

Der schottische Dramatiker David Harrower erzählt in seinem Zweipersonenstück "Blackbird“ eine skandalöse Liebesgeschichte. Ray trifft seine Ex-Geliebte Una wieder, mit der er vor 19 Jahren eine leidenschaftliche Affäre hatte. Damals war er 40 und sie zwölf. Inzwischen hat er seine Haftstrafe abgesessen, er hat einen neuen Namen, eine Frau und einen Job. Aber jetzt ist Una auf einmal wieder da und will reden. Oder was will sie wirklich?

Die österreichische Erstaufführung des Stücks fand vor fünf Jahren im Burgtheater statt, allerdings im intimen Rahmen des Vestibüls. In der Josefstadt wird es jetzt auf der großen Bühne und mit Starbesetzung - Erwin Steinhauer und Maria Köstlinger - gespielt. Auf einem schief in den leeren Raum ragenden Brettl von einem Bühnenbild (Raimund Orfeo Voigt) entwickeln die beiden ein spannendes Duell zwischen Wut und Zärtlichkeit, Nähe und Misstrauen, wobei Autor Harrower und Regisseurin Alexandra Liedtke die längste Zeit offenlassen, auf welcher Seite man stehen soll. Beatles-Kenner allerdings werden durch den Titel auf die richtige Fährte geführt: In dem McCartney-Song "Blackbird“ ist die Amsel eine Metapher für eine schwarze Frau, die unter der Rassendiskriminierung in den USA leidet. Hier steht sie für eine Frau, deren Seele aus anderen Gründen gebrochen wurde.

Da es um Sex geht, fallen immer wieder Worte wie "Steifer“ oder "ficken“. In der Josefstadt hört sich so etwas immer noch ein bisschen peinlicher an als anderswo; das Publikum aber lässt sich davon nicht nachhaltig abschrecken. Auch das spricht für eine Aufführung und ein Stück, die einen Täter nicht zum Monster erklären, ohne dessen Tat dadurch zu beschönigen. War es Liebe? Das ist in solchen Fällen schlicht die falsche Frage. WK

Theater in der Josefstadt, Sa 19.30, So 20.00


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