Musiktheater Kritik

Das Gift aus Stalins Kopf

Steiermark | Herbert Schranz | aus FALTER 15/11 vom 13.04.2011

Matthias Hartmann hat mit seiner Inszenierung von Dmitri Schostakowitschs Oper "Lady Macbeth von Mzensk“ (1934) an der Oper Graz (Koproduktion mit der Wiener Staatsoper) eine Hauptabsicht des Komponisten sehr deutlich gemacht: Katerina Ismailowa, die "Lady Macbeth von Mzensk“, wie Schostakowisch es formulierte, "als positive, das Mitgefühl des Zuschauers verdienende Person zu behandeln“.

Vor der Bühne liegt eine umgestürzte Büste Stalins. In einer Klappe in Stalins Schädel verwahrt Katerina (Mlada Khudoley) das Rattengift, mit dem sie ihren Schwiegervater Boris (Michail Ryssov) töten wird. Mit dem gestürzten Stalin verlegt Hartmann die Handlung in die Gegenwart, wiewohl die schlichten Kostüme auf die vorrevolutionäre Zeit verweisen. So bekommt die "Schlechtigkeit“, die Katerina umgibt und an der die Liebe zugrunde geht, viel Ausdehnung. Seit 1935 fanden die stalinistischen "Säuberungen“ statt, die Schostakowitsch seit dem inszenierten Prawda-Artikel "Chaos statt Musik“(1936) permanent selbst bedrohten. Diesen Terror schien Hartmann atmosphärisch mitzuinszenieren. Die Arbeiter der Familie Ismailow sind eine gewaltlüsterne Meute, für die Frauen nur Opfer sind. Der Chor und die Statisterie der Grazer Oper vollbringen darstellerische Höchstleistungen. Boris ist ein dämonischer Einfaltspinsel, der Katerina wie ein Gefängniswärter bewacht. Michail Ryssovs Darstellung ist - auch stimmlich - brillant. Sein Sohn Sinowi (Taylan Memioglu) ist ein Schwächling, Katerinas Liebhaber Sergej ein halbseidener Emporkömmling, den Herbert Lippert sehr stimmig verkörpert. Der Rolle der Katerina ist Mlada Khudoley vorzüglich gewachsen, man wünscht sich an einzelnen Stellen eine noch größere Stimme. Die Grazer Philharmoniker unter Johannes Fritzsch verfehlen öfters die nötige Zuspitzung.

Oper Graz, Sa 19.00


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