Tief befreit in Ober-Sankt-Veit

Feuilleton | aus FALTER 15/11 vom 13.04.2011

Wie der Münchner Künstler Karl Wilhelm Diefenbach in Wien zum Protoyp des modernen Künstlerdiktators wurde

Heiligenvita: Matthias Dusini

Der röhrende Hirsch einmal anders: Ein nackter Jäger zückt den Dolch, um zum tödlichen Stich auszuholen. Da taucht aus dem finsteren Himmel eine bärtige Lichtgestalt auf. Geblendet schreckt der Waidmann vor der übermächtigen Erscheinung zurück, mit dankbarem Blick wendet das gerettete Tier sein Haupt.

Der deutsche Künstler Karl Wilhelm Diefenbach (1851-1913) malt 1906 diese Version einer biedermeierlichen Naturszene, in die er ein Selbstbildnis einarbeitet: Der himmlische Retter trägt seine Züge. Bei ihm verendet das Tier nicht wie noch bei seinem Kollegen Friedrich Gauermann (1807-1862) theatralisch zwischen pittoresken Felsen und kreisendem Geier. Die Naturkulisse ist verschwunden, das Drama verlagert sich in eine fantastische Innenwelt, in der das edle Wilde mit dem Erlösungskünstler verschmilzt. Gemeinsam wehren sie die finsteren Kräfte

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